Es ist kalt, meine Damen und Herren
Achtung, es friert – bitte hinlegen
Deutschland hat wieder Winter. Und damit ist der Ausnahmezustand ausgerufen. Nicht wegen Schnee oder Eis – damit käme man klar –, sondern wegen völliger administrativer, politischer und geistiger Überforderung. Temperaturen unter null reichen inzwischen aus, um Staat, Schulen, Kommunen und gesunden Menschenverstand gleichzeitig lahmzulegen.
Dabei war der Winter angekündigt. Wochen vorher. Im Kalender. Jedes Jahr. Überraschend wie ein Montag.
Natürlich wünschen wir uns Schnee. Romantisch soll er sein, bitte mit Weihnachtsmarktgefühl, Alpenillusion im Flachland und ausreichend Daunenmaterial, damit man aussieht wie ein Michelin-Männchen auf Bildungsreise. Zehn Tassen Jagertee erledigen den Rest. Realität? Unerwünscht.
Denn sobald es glatt wird, beginnt die nationale Selbstaufgabe. Menschen stürzen, Kommunen zucken mit den Schultern, Politiker erklären die Physik für problematisch. Eis ist rutschig? Klingt nach rechter Wissenschaft.
Das Streusalz ist alle. Wieder. Niemand konnte das vorhersehen. Winter kam plötzlich. Unerwartet. Fast so überraschend wie steigende Heizkosten im Januar. Wer privat kocht, hat Salz auf Vorrat. Wer öffentliche Verantwortung trägt, offenbar nicht. Vielleicht sollten wir die Rathäuser einfach von Kantinenleitern übernehmen lassen. Die kennen sich wenigstens mit Grundversorgung aus.
Berlin allerdings spielt Champions League im Versagen. Dort schützt man konsequent die Bäume – indem man Menschen fallen lässt. Streusalz auf Gehwegen? Verboten! Die Bäume könnten leiden. Stattdessen leiden jetzt Fußgänger. Prioritäten müssen sein. Der moderne Staat opfert den Bürger für das ökologische Gefühl.
Krankenhäuser laufen voll. Oberschenkelhälse brechen wie Koalitionen. Radiologen feiern, Krankenkassen rechnen, und der Beitragszahler lernt Demut. Besonders pädagogisch wertvoll war der Sturz eines ehemaligen Tagesschau-Sprechers, den nur noch seine Apple Watch retten konnte. Der Staat war beschäftigt. Danke, Silicon Valley. Danke, Berlin.
Ironie des Schicksals: Dieselbe Politik, die Tech-Konzerne sonst moralisch bekämpft, zwingt nun halb Berlin zur Apple Watch – aus purem Überlebenswillen. Der Senat als unfreiwilliger Markenbotschafter. Wirtschaftsförderung durch Eisglätte. Muss man sich auch erst mal trauen.
Dabei ist die Sache eigentlich simpel: Der Staat soll Schaden von seinen Bürgern abwenden. Punkt. Nicht „abwägen“, nicht „diskutieren“, nicht „modellieren“. Aber offenbar gilt heute: Wer fällt, hat versagt. Selbstverantwortung! Warum nicht gleich Helmpflicht für Fußgänger? Oder besser: Gehwegverbot bei Minusgraden.
Das Elend endet nicht auf der Straße. Sobald es friert, bricht auch das Bildungssystem zusammen. Schulen schließen, weil der Schulweg unzumutbar sei. Schülern traut man weder Goethe noch Schiller zu, Shakespeare schon gar nicht – aber ein bisschen Schnee ist endgültig zu viel. Wir erziehen keine Bürger mehr, sondern Wetteropfer.
Dieses Land scheitert nicht am Klima. Es scheitert an Verantwortung. Der Winter ist nicht das Problem. Das Problem ist eine Politik, die bei Frost in Deckung geht und bei Konsequenzen ausrutscht.
Deutschland rutscht nicht aus.
Deutschland lässt sich fallen.
(Ich brauche jetzt meine Blutdrucktabletten.)
Ich habe fertig.