Geburtstag

close up shot of hands of an analog clock

Als du geboren wurdest, war das Unfassbare längst geschehen.
Die Welt, in die du kamst, war keine für Kinder.

Dein Weg zur Schule führte nicht durch Unbeschwertheit,
sondern durch Wachsamkeit.
Wenn die Luft laut wurde,
sprangt ihr in den Graben,
hieltet den Atem an,
als könnte Stille euch retten.

Auf dem Hof, neben der Scheune,
stand diese Maschine,
groß und fremd,
gegen den Himmel gerichtet –
als ließe sich die Angst vertreiben.

Der Vater war weit weg.
Verloren auf Feldern,
auf denen nichts wuchs
als die Furcht,
die Heimat nie wiederzusehen.
Gefangen in einem System,
das Menschen brach,
lange bevor es sie gehen ließ.

Und du –
du hast gelernt zu überleben,
früher, als ein Kind es je sollte.
Doch etwas in dir
ist ganz geblieben.

Aus dem, was man dir genommen hat,
ist in dir etwas gewachsen:
Hoffnung.
Leise,
aber unbeirrbar.

Als der Vater zurückkam,
war er ein Fremder.
Und doch hast du gesehen,
was aus ihm geworden war.
Vielleicht auch,
was aus euch allen geworden war.

Dein Leben war kein leichtes.
Es war ein Geben.
Ein Dasein.
Ein stilles Tragen.

Alles, was dir gefehlt hat,
hast du uns geschenkt:
Liebe.
Geborgenheit.
Sicherheit.

Und mehr noch –
eine Art, Mensch zu sein,
die bleibt.

Heute wärst du 90 Jahre alt geworden.
Und ich merke,
wie sehr du fehlst.

Nicht nur heute.
An jedem einzelnen Tag.

Auf dem Gedankenstrom

scenic river flowing through mountain valley

Gegen die Vergangenheit
kein Widerstand mehr.
Ich treibe.

Im Strom der Gedanken –
nicht leicht,
nur leichter als zuvor.

Sie kommen,
gehen,
lassen Reste zurück.

Wünsche.
Schuld.
Dinge,
die sich nicht auflösen.

Träume –
nicht gezählt,
nur verbraucht.

Vielleicht nichts versäumt.
Vielleicht alles.

Und doch:
Ich würde wieder so gehen,
durch dieselben Risse,
dieselben Irrtümer,
dieselbe Blindheit.

Aus Trotz.
Oder weil es keinen anderen Weg gab.

Zuversicht?
Ein leiser Rest davon.
Hartnäckig.

Nichts hält.
Nichts bleibt.

Und doch –
geht nichts verloren.

Flüssig gewordene Sehnsucht

fizzing sea wave

Die Brandung.

Immer wieder
wirft sie die Wellen an den Strand,
als gäbe es kein anderes Ziel,
als müssten sie etwas erreichen,
das sie nie halten können.

Es ist, als rufe dich das Meer.
Nicht laut.
Eher ein Ziehen,
tief unter der Haut.

Eine Sehnsucht,
flüssig geworden.

Du bleibst stehen.
Ziehst Schuhe und Strümpfe aus,
lässt sie achtlos zurück.

Der Sand trägt dich.
Hell, fast unwirklich,
durchzogen von Muschelschalen,
zerbrechlich wie das,
was in dir nachklingt.

Du gehst weiter.
Schritt für Schritt.

Bis das Wasser dich erreicht.

Kalt.
Zärtlich.
Unaufhaltsam.

Es umspült deine Füße,
zieht sich zurück,
kommt wieder —
als würde es dich prüfen,
oder erinnern.

Und für einen Moment
hörst du auf, dich zu wehren.

Da ist keine Grenze mehr.
Nicht zwischen dir und dem Meer.
Nicht zwischen dir und dem,
was dich ruft.

Nur dieses leise Wissen:

Du bist nicht getrennt.

Du warst es nie.

Frohe Ostern, lieber Johann!

a yellow daffodils in full bloom

Eine Geschichte, die jedes Jahr ein wenig anders wurde.

Zu Ostern erzählte mein Vater immer wieder diese Geschichte. Jedes Mal ein wenig anders, als würde sie sich selbst verändern, während er sprach. Vielleicht war es wirklich so geschehen – vielleicht auch nicht. Heute kann ich niemanden mehr fragen. Mein Großvater, mein Vater und seine beiden Brüder sind längst nicht mehr da.

Die Geschichte führt zurück in eine Zeit, in der sie alle noch zusammen auf dem elterlichen Hof lebten. Mein Vater war damals ein Junge von vielleicht zwölf Jahren.

Mein Großvater war ein umtriebiger Mensch. Einer, der nicht lange stillsitzen konnte und dessen Weg ihn eher zu den Menschen führte als auf die Felder des eigenen Hofes. Als Prädikant der evangelischen Kirche Hannover im Kirchenkreis Potshausen war er viel unterwegs. Für mich als Kind schien es, als kenne er jeden – und jeder kenne ihn.

Und so kam es wohl auch, dass er bei manch alleinstehender Dame ein und aus ging. Ich will darüber nicht urteilen. Aber eines ist sicher: Einige von ihnen hatten ein Auge auf ihn geworfen.

Es war ein Ostersonntag.

Am Nachmittag saßen mein Vater, seine Brüder und mein Großvater in der Küche. Ob meine Großmutter dabei war, weiß ich nicht mehr. Vielleicht war sie nicht da – vielleicht war genau das der Grund, warum sich die folgende Szene überhaupt ereignen konnte. Sie war oft krank, und es wäre gut möglich, dass sie zu dieser Zeit bei Verwandten in Wattenscheid war.

Die Tür zur Küche stand offen, wie es damals in Ostfriesland üblich war.

Plötzlich trat eine Frau ein.

Mein Vater sagte, sie hätten sofort gewusst, wer sie war. Eine auffallend hübsche Frau – ihren Namen kannte ich einmal, doch er ist mir entfallen. Mein Großvater erstarrte. Für einen Moment stand ihm die Überraschung ins Gesicht geschrieben, dann glitt sein Blick verlegen zu seinen drei Söhnen hinüber, die dicht nebeneinander auf dem Sofa saßen – wachsam, gespannt, beinahe lauernd.

Die Frau – nennen wir sie einfach Anni – ging ohne zu zögern auf ihn zu. Sie öffnete ihre Handtasche, suchte einen Moment darin und zog schließlich eine Tafel Schokolade hervor. Mit einer Selbstverständlichkeit, die keinen Zweifel zuließ, reichte sie sie ihm, trat näher, umarmte ihn, küsste ihn auf die Wange und sagte, hell und freudig:

„Frohe Ostern, lieber Johann.“

Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen.

Dann brach das Lachen los.

Mein Vater und seine Brüder konnten nicht anders – sie lachten laut, hemmungslos, wie Jungen es tun, wenn sie etwas entdecken, das größer ist als sie selbst. Ein Schabernack des Lebens, direkt vor ihren Augen.

Anni zögerte, vielleicht nur einen Wimpernschlag lang. Dann wandte sie sich ab und verschwand durch die Küchentür nach draußen, hinaus ins Freie, hinaus aus diesem Moment. Mein Großvater lief rot an, murmelte etwas Unverständliches und verließ ebenfalls die Küche.

Zurück blieb – neben dem Echo des Lachens – eine Tafel Schokolade.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Jungen sie schnell verschwinden ließen. Spuren sollten schließlich keine bleiben.

Und so wurde diese Begebenheit Teil unserer Ostern.

Kein Jahr verging, ohne dass meine Onkel zu Besuch kamen. Kein Ostern, an dem diese Geschichte nicht erzählt wurde – am liebsten dann, wenn mein Großvater selbst mit am Tisch saß. Und jedes Mal klang sie ein wenig anders, als würde sie sich dem Erzähler anpassen, sich neu formen, weiterleben.

Ob sie wahr ist?

Ich glaube schon, dass etwas Wahres in ihr steckt. Aber vielleicht ist das gar nicht entscheidend.

Manche Geschichten brauchen keine Gewissheit. Sie brauchen nur Erinnerung.

In diesem Sinne:
Frohe Ostern, lieber Johann.
Frohe Ostern, Papa. Frohe Ostern, Bernhard. Frohe Ostern, Artur.

Ihr fehlt mir.
Doch an Ostern seid ihr mir näher als sonst.

Chester

Wir sind durch die Jahre gegangen

wie durch weiches Licht –

du neben mir,

manchmal vor mir,

nie wirklich fort.

Auf den Ausstellungen

standest du im Glanz,

getragen von Menschenhand –

und doch war es dein Wesen,

das alle Blicke hielt.

Und dann wieder die Wege,

die nur uns gehörten:

Schritte im Gras,

der Atem der Zeit zwischen uns,

kein Ziel, nur Sein.

Du bist gelaufen, Chester –

so selbstverständlich,

als gäbe es kein Ende.

Und vielleicht gibt es das auch nicht.

Denn jetzt,

wo deine Schritte leiser werden,

sprichst du auf eine andere Weise:

in deinem Blick,

in deiner Nähe,

in dem, was bleibt,

wenn alles andere langsamer wird.

Sechzehn Jahre –

und kein einziger davon verloren.

Nur verwandelt

in Liebe,

die nicht vergeht.

Kolumne zum Wochenende

close up shot of books


Die Abkehr von Kindle, Tolino und Co.

Was mich dazu bringt, darüber zu schreiben, kann ich gar nicht so genau sagen. Vielleicht sind es die kleinen Dinge, die sich nicht aufdrängen und doch bleiben. Vor ein paar Tagen nahm ich meinen Kindle vom Schreibtisch. Ich wollte nur kurz nachsehen, was ich darauf gespeichert habe. Ob da vielleicht noch Bücher sind, die ich längst gekauft, aber nie gelesen habe. So eine stille Neugier, mehr nicht.

Die Batterie war leer. Nicht ein wenig – ganz. Das Gerät blieb stumm. Ich suchte ein Kabel, fand schließlich eines, schloss es an und legte den Reader zurück auf den Tisch. Morgen, dachte ich. Doch dieses Morgen kam nicht. Und während das Gerät dort lag und langsam wieder zu sich kam, wurde mir etwas anderes klar: Elektronische Bücher haben ihren Platz, auch in meinem Leben. Aber sie bleiben merkwürdig leicht. Fast zu leicht.

Im Urlaub zum Beispiel. Man nimmt sich vor zu lesen. Endlich einmal. Vielleicht dieses eine Buch, das schon so lange wartet. Doch dann steht man vor der Entscheidung, welches man mitnimmt. Es wiegt, nimmt Platz ein, liegt später vielleicht doch nur im Hotelzimmer. Der Reader dagegen wirkt wie die bessere Lösung: leicht, unauffällig, gefüllt mit einer ganzen Bibliothek. Eine kleine Welt in der Hand.

Und doch ist da dieser Moment. Man liegt am Strand, denkt: Jetzt lese ich. Aber das Buch ist nicht geladen. Oder gar nicht erst heruntergeladen. Kein WLAN, kein Zugriff. Das Smartphone liegt im Safe, aus guten Gründen. Versprochen ist versprochen. Und plötzlich ist da nichts als Leere. Vielleicht auch dieser leise Gedanke: Ein Buch würde jetzt reichen.

Natürlich hätte man daran denken können. Vorher. In Ruhe. Aber man hat es nicht.

Ich weiß nicht, wie viele Bücher Sie besitzen. Aber ich stelle mir vor, dass irgendwo in Ihrem Zuhause ein Regal steht. Still, verlässlich, ohne jede Eile. Darin reihen sich Bücher aneinander, jedes für sich, und doch alle verbunden durch die Zeit, die sie tragen. Es gibt diesen Moment, in dem man eines herausnimmt, es aufschlägt, ohne ein bestimmtes Ziel. Man blättert. Bleibt hängen. Und merkt, wie etwas in Bewegung kommt.

Ich glaube, Bücher haben eine Seele. Sie tragen mehr als nur Worte. Sie tragen Zeit. Meine Zeit. Die Zeit, in der ich sie gekauft habe. Oder geschenkt bekam. Sie bewahren etwas von dem, was war, und geben es zurück, wenn ich sie wieder öffne. Es ist, als läge zwischen den Seiten nicht nur Text, sondern Erinnerung.

Bücher altern. Wie wir. Sie werden weicher, vielleicht auch brüchiger. Nicht mehr makellos. Aber gerade darin liegt ihr Wert. Sie verändern sich, ohne zu verschwinden.

Eines meiner Bücher ist David Copperfield von Charles Dickens. Wenn ich es aus dem Regal nehme, bin ich wieder an einem See meiner Jugend. Sommer. Wasser. Zeit, die sich anders anfühlte. Ich blättere langsam, fast vorsichtig, und plötzlich ist er wieder da, dieser Duft von Papier, von Sonne, von etwas Vergangenem, das nicht ganz vergangen ist.

Manchmal stehen Bücher eines Autors nebeneinander, Band für Band, Jahr für Jahr. Dann sieht man es förmlich vor sich: ein Leben, geordnet, sichtbar geworden. Und zugleich erzählt jedes Regal auch etwas über den, dem es gehört. Es zeigt, was ihn interessiert, was ihn begleitet hat. Und manchmal bleibt jemand davor stehen, schaut, erkennt etwas wieder. Vielleicht ein Buch, das er selbst gelesen hat. Und dann beginnt ein Gespräch. Ganz ohne Vorbereitung. Einfach so.

Versuchen Sie das einmal mit einem Reader. Der irgendwo in einer Schublade liegt. Still. Dunkel. Wartend.

Ich wünsche Ihnen eine gute Lesewoche.

Die zweite Tasse

ceramic cups and saucers on glass table

Heute Morgen, am Friedhof, kam mir ein alter Mann auf einem Fahrrad entgegen.

Er trug einen in Zeitungspapier gewickelten Blumenstrauß bei sich. Der alte Mann öffnete das Tor zum Friedhof und schob das Fahrrad hindurch. In meinen Gedanken stelle ich mir vor, dass seine verstorbene Frau heute Geburtstag hat und er ihr die Blumen ans Grab bringt.

Er wird dann wieder nach Hause fahren, das gerahmte Bild seiner Frau auf den Küchentisch stellen – an die Stelle, an der sie immer gesessen hat. Dann schneidet er ein Stück Zitronenkuchen auf und legt auch ihr ein Stück auf den Teller.

Er holt die Porzellankanne aus dem Schrank und füllt den frischen Kaffee hinein. Er gießt sich und seiner Frau Kaffee ein. Dann setzt er sich auf den Stuhl.

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“, sagt er mit leiser Stimme.

Eine Träne tropft dabei in seinen Kaffee.

1945

a statue on a cemetery

Das Taxi hielt direkt vor dem Friedhofstor. Ich blieb stehen. Mein Hund zog kurz an der Leine, dann wartete er.

Eine Frau stieg aus.

Groß, aufrecht, ein helles Kleid, das sich kaum bewegte. Der Strohhut war breit genug, um ihr Gesicht im Schatten zu halten. Der Fahrer hob einen Trolley aus dem Kofferraum. Sie nickte nur, nahm den Griff und ging los.

Langsam. Sicher. Ohne zu zögern.

Ich weiß nicht, warum ich ihr folgte. Vielleicht, weil sie nicht hierher zu passen schien. Oder weil sie wirkte, als käme sie nicht oft. Am Eingang zögerte sie nicht, kein suchender Blick, kein Innehalten. Sie kannte den Weg. Zwischen den Gräbern verlor ich sie beinahe aus den Augen, dann sah ich sie wieder. Sie blieb stehen, stellte den Trolley ab.

Ein Grab.

Ich setzte mich auf eine Bank, etwas abseits. Mein Hund legte sich neben mich. Ich hielt das Telefon in der Hand, ohne es zu benutzen. Die Frau öffnete den Trolley. Handschuhe. Hell, beinahe rosa. Sie zog sie langsam über, strich die Finger glatt, als müsse alles genau sitzen.

Dann begann sie zu arbeiten.

Eine kleine Schaufel, eine Harke. Bewegungen, die nichts Suchendes hatten. Sie wusste, wo sie ansetzen musste. Entfernte Verblühtes, lockerte die Erde, strich sie glatt.

Sie arbeitete lange. Ohne Pause. Ohne sich umzusehen. Ohne Eile. Ich versuchte mir vorzustellen, wer hier lag. Ein Mann, dachte ich zuerst. Vielleicht ihr Mann. Später dachte ich an ein Kind. Dann wieder nicht. Nichts an ihr wirkte gebrochen. Eher gesammelt. Als hätte sie etwas geordnet, das sich nicht mehr ändern ließ.

Nach einer Weile stand ich auf. Mein Hund folgte mir. Ich ging einen Bogen, nicht zu nah.

Als ich noch einmal stehen blieb, hob sie den Kopf.

Ihr Gesicht lag nun im Licht.

Alt, ja. Aber klar. Wach. Die Haut fein, fast durchscheinend. Weißes Haar unter dem Hut.

Und ihre Augen.

Blau.

Für einen Moment sah sie mich an, ohne Frage, ohne Abwehr. Eher, als hätte sie längst bemerkt, dass ich da war. Dann senkte sie den Blick wieder. Ich ging weiter. Am Ausgang stand das Taxi. Der gleiche Wagen, der gleiche Fahrer. Er öffnete den Kofferraum, nahm den Trolley entgegen, stellte ihn hinein. Hielt ihr die Tür auf.

Sie stieg ein, ohne den Hut abzunehmen.

Ich blieb noch stehen, bis das Taxi verschwunden war. Dann ging ich nach Hause.

Ich habe lange nicht mehr an sie gedacht. Bis ich vor einigen Tagen wieder an dem Grab vorbeikam. Der Stein war überarbeitet worden.

Zwei Namen.

Paul – gestorben 1945.
Elisabeth – gestorben 2017.

Beide am selben Tag geboren. Ich blieb stehen. Die Erde war uneben, das Beet überwuchert. Es hatte sich wohl seit einiger Zeit niemand darum gekümmert. Ich ging nach Hause.

Am nächsten Tag nahm ich eine kleine Schaufel und eine Harke mit auf den Friedhof.

Ich sah mich um. Niemand in der Nähe. Mein Hund setzte sich neben das Grab und sah mir zu.

Ich begann zu arbeiten.

Der lebendige Weg

selective focus photo of stone under green trees

Ich trete in den weißen Kies.
Unter den dünnen Sohlen meiner Sneaker
erwacht er zum Leben —
ein leises Gleiten, ein tastendes Nachgeben,
als prüfe er meinen Schritt.

Ein Kiesweg duldet kein Zögern.
Er fordert Hingabe.
Nur wer sich ihm überlässt,
wird von ihm getragen.

Er weicht nicht —
er antwortet.
Er schmiegt sich dem Fuß,
ohne sich preiszugeben.

Sein Knirschen, kaum mehr als ein Flüstern,
verwebt sich mit dem Atem des Frühlings,
mit dem fernen Rufen der Vögel —
eine Musik,
die nicht erklingt,
sondern entsteht.

Und der Stein?
Hart.
Verschlossen.
Ein Körper ohne Erinnerung.
Er weist den Regen ab,
wo der Kies ihn durch sich hindurchlässt,
ihn bewahrt,
ohne ihn festzuhalten.

So ist der Kies
dem Leben verwandt —
beweglich, durchlässig,
im ständigen Werden.

Kein Schritt wiederholt sich.
Kein Moment kehrt zurück.

Ich gehe —
hinauf, hinab,
getragen vom Wandel.

Und während ich gehe,
begreife ich leise:
Nicht der Weg verändert sich.

Ich bin es.

Das Schweigen der Ferne

solitary tree in misty landscape at dawn

Kalt umschließt mich
der Nebel des frühen Tages.
Was ich Hoffnung nenne,
ist nur ein Ahnen.

Die Ferne schweigt.
Und doch gebe ich ihr Sinn.

Die Zukunft –
Versprechen der Sterne
oder ihr gleichgültiges Leuchten.

Ein Schleier liegt vor dem Leben.
Ich gehe hindurch,
ohne zu wissen,
ob es einen Weg gibt
oder nur mein Gehen.

Die Lieder des Lebens erklingen –
und ich singe sie,
weil Schweigen
keine Antwort ist.