Das Licht im Stall

Er stand vor dem Deich und schaute auf das Anwesen. Den Stall konnte er noch erkennen. Sie hatten ein neues Tor eingebaut, doch das Dach wirkte inzwischen alt. Dort, wo früher das Gulfhaus gestanden hatte, erhob sich nun ein großes Wohnhaus mit Gauben. Im Baustil erinnerte es noch an jene Häuser, die einst überall auf dem Fehn gestanden hatten. Damals.

Die Fehnstelle, die zum Haus gehörte, war etwa drei Hektar groß. Kaum vorstellbar, dass sein Urururgroßvater auf diesem Stück Land eine Familie hatte ernähren können. Schon in seiner Kindheit war die Landwirtschaft weiter entwickelt gewesen. Hatten seine Vorfahren noch fünf oder sechs Kühe gehalten, standen bei seinem Vater bereits dreißig Milchkühe im Stall.

Von den alten Stallungen war nichts geblieben. Den Stall, der heute alt wirkte, hatten sie erst in den siebziger Jahren errichtet. Die Tore hatte er damals selbst gebaut und montiert. Vor dem Haus weideten die Kühe. Nachts, wenn er bei offenem Fenster schlief, konnte er sie hören: Husten, dumpfes Scharren, das ruhige Wiederkäuen. Sonst nichts. Kein Verkehr. Kein fernes Rauschen. Auch kein Licht war zu sehen, wenn er nachts aus dem Fenster blickte. Straßenlaternen gab es nicht. Nur Dunkelheit, Sterne und manchmal der Vollmond, der alles in ein unwirkliches Licht tauchte.

Oft saß er im Sommer nachts am Fenster, wenn ihn seine Alpträume nicht schlafen ließen. Dann beobachtete er die Kühe. Danach konnte er meist ohne Alpträume weiterschlafen. Im Herbst und Winter sah er manchmal weit entfernt Licht im Stall des Nachbarn. Dann wusste er, dass ein Kalb geboren wurde. Auf den Höfen war das mehr als nur ein Ereignis gewesen. Jedes Kalb sicherte die Existenz. Der Verlust eines Kalbes war schmerzhaft. Er liebte die Kälber. Liebte den warmen Geruch des Stalls, den schweren Atem der Kühe, die Wärme ihrer Körper im Winter.

Der Gedanke verflog, als sich aus der Ferne ein Traktor näherte. Er trat zur Seite. Der Fahrer hob kurz die Hand zum Gruß, so wie man es hier immer getan hatte. Früher waren die Menschen stärker aufeinander angewiesen gewesen. Die Freundlichkeit war geblieben.

Westlich ihres Hofes lebte der Nachbar mit seiner Frau von Verpachtungen und der Kriegsrente. Wie viele Männer dort hatte auch er den Krieg erlebt. Sein eigener Vater war noch mit sechzehn Jahren eingezogen worden.

Zwischen den Höfen lag eine verlassene Fehnstelle. Ein schmaler Weg führte hindurch. Sah der Nachbar nachts Licht im Stall, machte er sich oft auf den Weg herüber, auch wenn meist keine Hilfe gebraucht wurde. Es gehörte sich einfach so. Wenn ein Kalb geboren worden war und Kuh und Kalb versorgt waren, saßen sie später in der Wohnküche zusammen und tranken Tee. Ganz gleich, wie spät es geworden war.

Als er an diesem Morgen durch das Dorf gefahren war, hatte er vieles kaum wiedererkannt. Alte Häuser waren verschwunden oder modernisiert worden. Dort, wo früher Weiden gelegen hatten, standen nun dicht gedrängt neue Häuser. Manche lehnten sich noch an den Stil der alten Fehnhäuser an, doch die alte Welt war daraus verschwunden.

Kein Kind musste dort im Winter unter mehreren Decken schlafen. Niemand bekam mehr einen heißen Ziegelstein aus dem Ofen ins Bett gelegt.

Am meisten erschreckte ihn der Kanal. Seit Jahren war der Schlick nicht mehr ausgebaggert worden. Das Wasser stand dunkel und schwer zwischen den Ufern. Früher war der Kanal Lebensader gewesen — Entwässerung, Transportweg, Verbindung zur Welt draußen. Nun wirkte er, als würde er langsam verschwinden. Ob die Menschen es gar nicht bemerkten?

Die, die heute hier leben, sind oft Zugezogene. Sie kennen das Land nicht mehr so, wie es einmal gewesen war. Nicht die Männer und Frauen, die mit Spaten und Karren das Moor urbar gemacht hatten. Nicht die Torfhütten. Nicht die Winterkälte, die früher durch jede Ritze kroch.

Die Heimat seiner Kindheit war fort.

Er erinnerte sich, wie sie damals dreißig Kühe durch das Dorf getrieben hatten. Drei Menschen reichten dafür aus. Die wenigen Autos warteten geduldig, bis die Herde vorüber war. Sein Großvater ging mit Schaufel und Eimer hinterher.

Seine Gedanken schweiften weiter zu einem alten Haus in der Nachbarschaft. Zwei Brüder hatten dort ihr Leben verbracht, eher gehaust als gewohnt. Reinhard und Johann. Schrullige Männer, die an Hexen und kleine Teufel glaubten und überall Zeichen sahen. Hinter ihrem Haus gab es einen großen Haufen mit runden Steinen, er durfte nicht bewegt werden.

Als sein Vater jung gewesen war, hatte er oft bei ihnen gesessen und ihren Geschichten zugehört. Er selbst hatte nur noch Johann gekannt. Der andere Bruder war bereits vor seiner Geburt gestorben.

Heute erinnerte nichts mehr an den alten Hof.

Er ging zu seinem Auto, holte die Thermoskanne, das in Papier eingeschlagene Butterbrot und eine Decke. Oben auf dem Deich breitete er sie aus, schenkte sich Tee ein und setzte sich so hin, dass er über die Fehnstellen blicken konnte.

Die Sonne stand in seinem Rücken. Ein leichter Wind trieb die wenigen Wolken über den Himmel. Er trank den Tee langsam, in kleinen Schlucken, möglichst heiß. Die Wärme tat ihm gut. Mit dem Geschmack von Schwarzbrot, Butter und Schinken kamen die Erinnerungen zurück. Ein leichtes Stechen zog durch seine Brust.

Unwiederbringlich.

Fliegen umschwirrten das Butterbrot. Er packte alles wieder in seine alte Tasche und zog den Reißverschluss zu, legte sich auf die Decke und blickte in den fast wolkenlosen Himmel. Hoch oben zogen Flugzeuge ihre weißen Streifen durch das Blau. Würde er mit denen da oben tauschen wollen? Der Wind wehte warm und er fühlte sich geborgen. Im Gras zirpten und summten die Insekten. Er roch die dunkle Erde seiner Heimat.

Bald fielen ihm die Augen zu.

Er träumte von seiner Kindheit. Davon, wie er mit seiner Schwester ein selbstgebautes Boot aus alten Ölfässern zum Kanal geschleppt hatte. Davon, wie sie ihn später auf dem Rücken nach Hause getragen hatte. Dann erschien Liesel vor ihm. Die rabenschwarze Stute seines Vaters mit der schmalen Blesse. Stark, ruhig und gutmütig. Er sah sich wieder mit seinen Eltern auf dem Pferdewagen zu einem abgeernteten Feld fahren. Sie hatten kalten Tee und Butterbrote eingepackt, denn der Tag würde lang werden. Jeder Halm Heu wurde damals aufgeharkt. Nichts durfte verloren gehen.

Die Tasche mit den Butterbroten hatte seine Mutter unter den Wagen gestellt, damit sie im Schatten blieb. Das Pferd war lang angebunden worden, damit es sich bewegen konnte. Wie immer, wenn er mit im Feld war, streunte er durch die Gegend, um Brombeeren zu sammeln. Als er Stunden später zurückkehrte, war kein einziges Butterbrot mehr übrig.

Das Pferd hatte sich losgerissen und alles gefressen. Nur den Tee hatte es stehen lassen. So blieben ihnen nur das Körbchen mit Brombeeren. Mit knurrenden Mägen machten sie sich später auf den langen Heimweg. Damals hatte er darüber lachen müssen.

Er wachte auf. Er musste lange geschlafen haben, denn die Sonne stand jetzt viel tiefer. Er nahm die Decke zusammen, packte die Tasche und ging zum Auto. Dann fuhr er den Kanal entlang, ließ das Fenster herunter. Nochmal frische Luft hineinlassen. Am Ende der Straße schaute er etwas länger  in den Spiegel, blieb kurz stehen. 

Dann bog er nach rechts ab.

Du bist da

Wie gerne hätte ich dich noch hier. Wie gerne würde ich nochmal mit dir über das Leben philosophieren, wie wir es sooft getan haben. Wie gerne nochmal in deine blassblauen Augen schauen, die so viel gesehen haben. Wie gerne, einfach neben dir zu sitzen und zu wissen: Du bist da.

Als du gegangen bist, war mein Leben ohnehin im Umbruch. Du warst einfach nicht mehr da, obwohl ich dir noch so viel zu sagen hatte. Du hast gesagt, es sei alles gut. Das gab mir Ruhe und auch Unruhe. War es wirklich so? War es denn auch für mich gut?

Dann der Moment, in dem nichts mehr so ist, wie es war. Alles ist plötzlich anders. Nichts bleibt von dem, was einmal war. Kein verschmitztes Lächeln. Keine warme Hand, die hält. Keine Augen, die mich ansehen konnten, wie sonst niemand. Von der schweren Arbeit gezeichnete Hände, die sich nie gegen mich erhoben haben. Eine Stimme, die nie laut oder bestimmend wurde.

Im Nachhinein denke ich, dass das Leben dich zweimal betrogen hat. Viel zu früh der Kindheit entrissen, in einen mörderischen Krieg hineingeworfen. Du hast es überlebt, aber hast du es je überwunden? Und dann, als all die Arbeit in deinem Leben getan war, da hättest du ruhen können, stolz auf das sein, was du erreicht hast, da war die Zeit wiederum zu kurz.

Die teuflischste aller Krankheiten hat dich schließlich besiegt. Diesen Kampf konntest du nicht mehr gewinnen. Du bist nicht mehr da – und doch jeden Tag bei mir.

Frohe Ostern, lieber Johann!

a yellow daffodils in full bloom

Eine Geschichte, die jedes Jahr ein wenig anders wurde.

Zu Ostern erzählte mein Vater immer wieder diese Geschichte. Jedes Mal ein wenig anders, als würde sie sich selbst verändern, während er sprach. Vielleicht war es wirklich so geschehen – vielleicht auch nicht. Heute kann ich niemanden mehr fragen. Mein Großvater, mein Vater und seine beiden Brüder sind längst nicht mehr da.

Die Geschichte führt zurück in eine Zeit, in der sie alle noch zusammen auf dem elterlichen Hof lebten. Mein Vater war damals ein Junge von vielleicht zwölf Jahren.

Mein Großvater war ein umtriebiger Mensch. Einer, der nicht lange stillsitzen konnte und dessen Weg ihn eher zu den Menschen führte als auf die Felder des eigenen Hofes. Als Prädikant der evangelischen Kirche Hannover im Kirchenkreis Potshausen war er viel unterwegs. Für mich als Kind schien es, als kenne er jeden – und jeder kenne ihn.

Und so kam es wohl auch, dass er bei manch alleinstehender Dame ein und aus ging. Ich will darüber nicht urteilen. Aber eines ist sicher: Einige von ihnen hatten ein Auge auf ihn geworfen.

Es war ein Ostersonntag.

Am Nachmittag saßen mein Vater, seine Brüder und mein Großvater in der Küche. Ob meine Großmutter dabei war, weiß ich nicht mehr. Vielleicht war sie nicht da – vielleicht war genau das der Grund, warum sich die folgende Szene überhaupt ereignen konnte. Sie war oft krank, und es wäre gut möglich, dass sie zu dieser Zeit bei Verwandten in Wattenscheid war.

Die Tür zur Küche stand offen, wie es damals in Ostfriesland üblich war.

Plötzlich trat eine Frau ein.

Mein Vater sagte, sie hätten sofort gewusst, wer sie war. Eine auffallend hübsche Frau – ihren Namen kannte ich einmal, doch er ist mir entfallen. Mein Großvater erstarrte. Für einen Moment stand ihm die Überraschung ins Gesicht geschrieben, dann glitt sein Blick verlegen zu seinen drei Söhnen hinüber, die dicht nebeneinander auf dem Sofa saßen – wachsam, gespannt, beinahe lauernd.

Die Frau – nennen wir sie einfach Anni – ging ohne zu zögern auf ihn zu. Sie öffnete ihre Handtasche, suchte einen Moment darin und zog schließlich eine Tafel Schokolade hervor. Mit einer Selbstverständlichkeit, die keinen Zweifel zuließ, reichte sie sie ihm, trat näher, umarmte ihn, küsste ihn auf die Wange und sagte, hell und freudig:

„Frohe Ostern, lieber Johann.“

Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen.

Dann brach das Lachen los.

Mein Vater und seine Brüder konnten nicht anders – sie lachten laut, hemmungslos, wie Jungen es tun, wenn sie etwas entdecken, das größer ist als sie selbst. Ein Schabernack des Lebens, direkt vor ihren Augen.

Anni zögerte, vielleicht nur einen Wimpernschlag lang. Dann wandte sie sich ab und verschwand durch die Küchentür nach draußen, hinaus ins Freie, hinaus aus diesem Moment. Mein Großvater lief rot an, murmelte etwas Unverständliches und verließ ebenfalls die Küche.

Zurück blieb – neben dem Echo des Lachens – eine Tafel Schokolade.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Jungen sie schnell verschwinden ließen. Spuren sollten schließlich keine bleiben.

Und so wurde diese Begebenheit Teil unserer Ostern.

Kein Jahr verging, ohne dass meine Onkel zu Besuch kamen. Kein Ostern, an dem diese Geschichte nicht erzählt wurde – am liebsten dann, wenn mein Großvater selbst mit am Tisch saß. Und jedes Mal klang sie ein wenig anders, als würde sie sich dem Erzähler anpassen, sich neu formen, weiterleben.

Ob sie wahr ist?

Ich glaube schon, dass etwas Wahres in ihr steckt. Aber vielleicht ist das gar nicht entscheidend.

Manche Geschichten brauchen keine Gewissheit. Sie brauchen nur Erinnerung.

In diesem Sinne:
Frohe Ostern, lieber Johann.
Frohe Ostern, Papa. Frohe Ostern, Bernhard. Frohe Ostern, Artur.

Ihr fehlt mir.
Doch an Ostern seid ihr mir näher als sonst.

Die zweite Tasse

ceramic cups and saucers on glass table

Heute Morgen, am Friedhof, kam mir ein alter Mann auf einem Fahrrad entgegen.

Er trug einen in Zeitungspapier gewickelten Blumenstrauß bei sich. Der alte Mann öffnete das Tor zum Friedhof und schob das Fahrrad hindurch. In meinen Gedanken stelle ich mir vor, dass seine verstorbene Frau heute Geburtstag hat und er ihr die Blumen ans Grab bringt.

Er wird dann wieder nach Hause fahren, das gerahmte Bild seiner Frau auf den Küchentisch stellen – an die Stelle, an der sie immer gesessen hat. Dann schneidet er ein Stück Zitronenkuchen auf und legt auch ihr ein Stück auf den Teller.

Er holt die Porzellankanne aus dem Schrank und füllt den frischen Kaffee hinein. Er gießt sich und seiner Frau Kaffee ein. Dann setzt er sich auf den Stuhl.

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“, sagt er mit leiser Stimme.

Eine Träne tropft dabei in seinen Kaffee.

1945

a statue on a cemetery

Das Taxi hielt direkt vor dem Friedhofstor. Ich blieb stehen. Mein Hund zog kurz an der Leine, dann wartete er.

Eine Frau stieg aus.

Groß, aufrecht, ein helles Kleid, das sich kaum bewegte. Der Strohhut war breit genug, um ihr Gesicht im Schatten zu halten. Der Fahrer hob einen Trolley aus dem Kofferraum. Sie nickte nur, nahm den Griff und ging los.

Langsam. Sicher. Ohne zu zögern.

Ich weiß nicht, warum ich ihr folgte. Vielleicht, weil sie nicht hierher zu passen schien. Oder weil sie wirkte, als käme sie nicht oft. Am Eingang zögerte sie nicht, kein suchender Blick, kein Innehalten. Sie kannte den Weg. Zwischen den Gräbern verlor ich sie beinahe aus den Augen, dann sah ich sie wieder. Sie blieb stehen, stellte den Trolley ab.

Ein Grab.

Ich setzte mich auf eine Bank, etwas abseits. Mein Hund legte sich neben mich. Ich hielt das Telefon in der Hand, ohne es zu benutzen. Die Frau öffnete den Trolley. Handschuhe. Hell, beinahe rosa. Sie zog sie langsam über, strich die Finger glatt, als müsse alles genau sitzen.

Dann begann sie zu arbeiten.

Eine kleine Schaufel, eine Harke. Bewegungen, die nichts Suchendes hatten. Sie wusste, wo sie ansetzen musste. Entfernte Verblühtes, lockerte die Erde, strich sie glatt.

Sie arbeitete lange. Ohne Pause. Ohne sich umzusehen. Ohne Eile. Ich versuchte mir vorzustellen, wer hier lag. Ein Mann, dachte ich zuerst. Vielleicht ihr Mann. Später dachte ich an ein Kind. Dann wieder nicht. Nichts an ihr wirkte gebrochen. Eher gesammelt. Als hätte sie etwas geordnet, das sich nicht mehr ändern ließ.

Nach einer Weile stand ich auf. Mein Hund folgte mir. Ich ging einen Bogen, nicht zu nah.

Als ich noch einmal stehen blieb, hob sie den Kopf.

Ihr Gesicht lag nun im Licht.

Alt, ja. Aber klar. Wach. Die Haut fein, fast durchscheinend. Weißes Haar unter dem Hut.

Und ihre Augen.

Blau.

Für einen Moment sah sie mich an, ohne Frage, ohne Abwehr. Eher, als hätte sie längst bemerkt, dass ich da war. Dann senkte sie den Blick wieder. Ich ging weiter. Am Ausgang stand das Taxi. Der gleiche Wagen, der gleiche Fahrer. Er öffnete den Kofferraum, nahm den Trolley entgegen, stellte ihn hinein. Hielt ihr die Tür auf.

Sie stieg ein, ohne den Hut abzunehmen.

Ich blieb noch stehen, bis das Taxi verschwunden war. Dann ging ich nach Hause.

Ich habe lange nicht mehr an sie gedacht. Bis ich vor einigen Tagen wieder an dem Grab vorbeikam. Der Stein war überarbeitet worden.

Zwei Namen.

Paul – gestorben 1945.
Elisabeth – gestorben 2017.

Beide am selben Tag geboren. Ich blieb stehen. Die Erde war uneben, das Beet überwuchert. Es hatte sich wohl seit einiger Zeit niemand darum gekümmert. Ich ging nach Hause.

Am nächsten Tag nahm ich eine kleine Schaufel und eine Harke mit auf den Friedhof.

Ich sah mich um. Niemand in der Nähe. Mein Hund setzte sich neben das Grab und sah mir zu.

Ich begann zu arbeiten.

The Foxhunter´s Last Morning

cute roe deer standing in green natural reservation park

Es war Spätsommer, und der Herbst lag bereits in der Luft. Der alte Jäger saß in seinem mit Schaffell bezogenen Sessel und hing seinen Gedanken nach. Der Sessel stand vor der Terrassentür, und wenn ihm die Luft im Zimmer zu schwer wurde, konnte er die Tür mit seinem Gehstock aufstoßen.

An diesem Stock, den er seit etwa einem Jahr benutzte, war oben eine kleine Fahrradklingel befestigt. Mit ihr rief er einen seiner beiden Diener herbei, die inzwischen all das für ihn erledigten, was er selbst nicht mehr vermochte.

Das Gehen fiel ihm seit Jahren immer schwerer. Dieses Jahr würde das erste sein, in dem er nicht mehr zur Bockjagd hinausgehen konnte. Schon lange war er nicht mehr in der Lage gewesen, auf sein Pferd zu steigen. Die Fuchsjagden, die er einst so geliebt hatte, gehörten endgültig der Vergangenheit an.

Im ersten Jahr, als ihm klar geworden war, dass das Reiten über die Flur zu gefährlich geworden war, hatte er sich noch mit dem Pferdewagen zur Strecke fahren lassen und gemeinsam mit den anderen nach der Jagd die Strecke geblasen. Doch das Horn war längst nur noch ein Stück Blech für ihn geworden. Seine Lunge hatte ihre Kraft verloren, und der Arzt hatte ihm geraten, sich künftig zu schonen.

Der alte Jäger hatte darauf nichts erwidert.

Ein Leben ohne Jagd – das konnte er sich nicht vorstellen.

Hier im Lakeland-Distrikt mit seinen sanften Hügeln und den sattgrünen Wiesen, die – wie überall im Norden Englands – von niedrigen Steinmauern durchzogen waren, gehörte die Jagd zum Leben selbst.

Töte niemals etwas, was du nicht auch essen würdest.

Das hatte sein Vater ihm gesagt, als er noch ein kleiner Junge gewesen war. Und er hatte sich sein Leben lang daran gehalten. Das Geld, das er mit dem Verkauf von Wildbret verdiente, brauchte er nicht. Sein Vater hatte ihm ein stattliches Vermögen hinterlassen, und das Fleisch gab er ohnehin meist an die Menschen auf seinen Ländereien weiter. Die wenigen Bauern hatten genug Mühe, mit dem auszukommen, was sie hatten.

So versorgte er sie mit Hirsch, Reh und Kaninchen. Nur den Fuchs – den alten Räuber – jagte er aus reiner Lust am Jagen. Der Fuchs war schlau, und oft hatte der alte Jäger ihm tagelang allein nachgestellt. Manchmal gewann der Fuchs, manchmal der Jäger. Für ihn war entscheidend, dass das Gleichgewicht immer wieder hergestellt wurde. Die großen Treibjagden auf den Fuchs, wie sie in England seit Jahrhunderten üblich waren, widerten ihn an.

Das, was du jagst, muss auch eine Chance haben zu entkommen. Das war stets seine Devise gewesen.

Der Wind rüttelte an den Fensterläden, und obwohl es draußen noch warm war, spürte der alte Jäger, wie eine Kälte von seinen Beinen heraufkroch. Langsam erreichte sie seine Brust, und für einen Moment überkam ihn das Gefühl, als würde ihm gleich die Luft wegbleiben.

Dann lass es vorbei sein, dachte er.
Hol mich – wer immer du bist. Gott oder Teufel oder was auch immer.

Doch dieser Gefallen wurde ihm nicht getan.

Nach mehreren schweren Hustenanfällen kam er wieder etwas zu Kräften. Seine Diener – längst mehr Freunde als Bedienstete – kümmerten sich um ihn, und so ließ der Tod weiter auf sich warten. In der folgenden Nacht schlief er schlecht. Mehrfach wachte er auf, zündete die Petroleumlampe neben seinem Bett an und starrte lange zur Decke. Immer öfter hatte er das Gefühl, die Dunkelheit um sich herum nicht mehr ertragen zu können. Das Fenster stand stets offen, im Sommer wie im Winter.

Der alte Jäger lauschte hinaus in die Nacht. Seine Augen wurden schwächer, doch sein Gehör war noch immer scharf. Ein Rascheln im Laub – er wusste genau, ob ein Igel oder eine Maus unterwegs war. Selbst das schnelle Flirren der Luft, verursacht von einer Fledermaus oder einer Eule, konnte er hören und deuten.

Sie sind alle da draußen, dachte er.
Sie jagen, weil sie jagen müssen.

Wer nicht auf die Jagd ging, starb. Der Tod als Teil des Lebens – für ihn war das immer selbstverständlich gewesen.

Wenn er im Bett lag, konnte er die Uhr an der gegenüberliegenden Wand beobachten. Sie hatte ein Pendel und ein Zifferblatt mit römischen Zahlen. Unter dem runden Glas befanden sich zwei kleine Fenster, durch die man das Pendel sehen konnte.

Eine Bewegung

Eine Sekunde.

Das leise Klacken hörte er nur, wenn er sich darauf konzentrierte. Doch wenn die Uhr stehen blieb, weil die Diener vergessen hatten, sie aufzuziehen, dann fehlte ihm dieses Geräusch. Manchmal, wenn er wie in dieser Nacht nicht schlafen konnte, beobachtete er das Pendel und dachte daran, dass mit jedem Schlag sein Leben kürzer wurde.

Unaufhörlich, ohne Erbarmen, kroch die Zeit dahin.

Er blickte auf das Zifferblatt.

Drei Uhr.

Die Gedanken, die ihn in letzter Zeit immer öfter heimsuchten, kehrten zurück.

Heute, dachte er, heute ist ein guter Tag.

Er griff nach der kleinen Glocke auf seinem Nachttisch und läutete. Es dauerte einige Minuten, bis einer seiner Diener erschien.

„Sir?“

„Jack“, sagte der alte Jäger, „hol Tom. Ihr müsst mir heute einen Gefallen tun.“

Jack sah ihn kurz verwundert an, stellte jedoch keine Fragen und ging.

Wenig später standen beide Männer vor ihm.

„Ihr müsst mir heute Nacht einen Gefallen tun“, sagte der alte Jäger ruhig.

Sie kannten seine kauzige, manchmal schroffe Art. Trotzdem arbeiteten sie gern für ihn. Er hatte sie stets respektvoll behandelt, besser als viele andere Herren ihre Leute im Distrikt. „Jeder hat seine Stellung im Leben“, hatte er einmal gesagt. „Aber jeder Mensch hat ein Recht auf eine ordentliche Behandlung.“

Der alte Jäger sah die beiden Männer an.

„Was ich euch jetzt bitte zu tun, tut es einfach. Fragt nicht nach dem Warum.“ Tom und Jack standen still vor ihm.

„Ich kann kaum noch gehen“, sagte der Jäger. „In zwei Stunden geht die Sonne auf. Ich möchte, dass ihr mich in diesem Sessel zur Lichtung bringt.“ Die Diener wussten sofort, welche Lichtung er meinte. Dort hatte ihr Herr viele Jahre auf Ansitz gesessen. Manchmal kehrte er mit Hasen oder Dachsen zurück, manchmal mit einem Reh. Immer waren es alte oder schwache Tiere gewesen. Oft hatten sie sich gefragt, warum er nicht – wie andere Jäger – auf Trophäen aus war. Der alte Jäger hatte einmal gesagt, er sehe sich eher als eine Art Wolfsersatz. Ganz verstanden hatten sie das nie.

Der alte Jäger wog kaum noch etwas. Die beiden Männer nahmen ihn mitsamt dem Sessel auf und trugen ihn durch den nächtlichen Buchenwald zur Lichtung. Der Mond stand über den Bäumen, und zur Sicherheit hatten sie eine Petroleumlampe mitgenommen.

Der alte Jäger sagte kein Wort.

Doch er war hellwach.

Seine Augen suchten die Dunkelheit ab. Einmal querte eine Eule lautlos ihren Weg, und er hielt unwillkürlich den Atem an. Schließlich erreichten sie die Lichtung. Der Mond ließ den Tau auf den Gräsern silbern schimmern.

Wie ein Schleier, dachte der alte Jäger.
Wie ein Hochzeitsschleier.

Die Natur als Braut. Jeden Tag vermählt sie sich aufs Neue mit uns. Der Gedanke gefiel ihm. Der Platz, an dem sie ihn absetzten, lag etwas erhöht, sodass er die ganze Lichtung überblicken konnte.

„Sir“, sagte einer der Diener, „wir haben Ihre Büchse vergessen.“

Der alte Jäger lächelte schwach.

„Die brauche ich heute nicht.“

Dann bat er sie, näher zu kommen. Er nahm ihre Hände.

„Danke.“

Die Männer sahen sich verwundert an.

„Sir?“

„Geht jetzt“, sagte er in seinem alten herrischen Ton. „Verschwindet.“

Sie gingen.

Bald waren ihre Schritte und Stimmen im Wald verklungen. Nun war er allein. Doch er fühlte sich nicht einsam. Hier draußen war er zu Hause. Er atmete tief durch die Nase ein. Der Duft von Erde, morschem Holz und feuchtem Gras erfüllte ihn. Noch einmal alles aufnehmen. Die Sonne begann langsam hinter dem Horizont aufzusteigen. Ein goldener Streifen erschien am Himmel. Viele Menschen sahen so etwas nie in ihrem Leben.

Über ihm spannte eine alte Buche ihre Äste wie einen Baldachin. Er kannte diesen Ort seit seiner Kindheit. Einige Äste waren kahl geworden. Andere trugen noch Blätter, die im ersten Licht des Morgens leise zitterten. „Wie meine Beine“, murmelte er und lächelte. Die alte Buche hatte viele Winter überstanden. Vielleicht würden sie noch viele weitere sehen. 

„Wir haben alle unsere Zeit hier.“

Plötzlich traten drei Rehe aus dem Wald auf die Lichtung. Obwohl er diesen Anblick unzählige Male gesehen hatte, schlug sein Herz schneller. Er öffnete leicht den Mund, damit sein Atem lautlos blieb. Die Rehe ästen friedlich im Morgengrauen.

„Ihr seid gar nicht so dumm, wie manche glauben“, murmelte er.

Die ersten Vögel begannen zu singen. Die Sonne stieg höher. Er liebte diesen Übergang von Nacht zu Tag.

Wenn etwas Neues beginnt, muss zuvor etwas Altes sterben.

Ein Falke kreiste über der Lichtung.

„So mancher wird diesen Tag nicht überleben.“

Lange saß er still da.

Alles war gut.

Alles war im Jetzt.

Er spürte, wie sein Atem langsamer wurde. Die Schmerzen in seiner Brust wurden schwächer. Dann merkte er, dass seine linke Hand sich nicht mehr bewegen ließ.

Neben sich hörte er ein leises Geräusch.

Aus den Augenwinkeln sah er eines der jungen Rehe. Es stand nur wenige Meter entfernt.

Langsam kam es näher.

Der alte Jäger spürte, wie eine Kälte von seinen Füßen aufstieg. Sie kroch über seine Beine, seinen Bauch und legte sich schließlich um sein Herz.

Eine kalte Faust.

Doch er hatte keine Angst.

Er wusste, dass seine Zeit gekommen war. Das Reh trat noch näher.

Er fühlte, wie seine weiche Nase seine Hand berührte. Das Fell roch nach Gras und Morgentau.

Dann verließ ihn ganz langsam das Leben.

Ein Schwarm Vögel erhob sich plötzlich aus den Bäumen.

Das Reh erschrak und sprang davon.

Der alte Jäger saß in seinem alten, mit Schaffell bezogenen Sessel an der Lichtung.

Und hatte seinen Frieden gefunden.