Kolumne zum Wochenende

Futuristic robot connected to a glowing human brain with electric neural energy

KI tötet die Phantasie. Nicht irgendwann in der Zukunft. Jetzt.

Man kann es überall beobachten. Menschen, die nie geschrieben haben, halten sich plötzlich für Autoren. Ein paar hingeworfene Begriffe reichen inzwischen aus, um sich innerhalb von Sekunden einen „eigenen“ Text erzeugen zu lassen. Traurig soll er sein. Poetisch vielleicht. Düster. Nachdenklich. Noch schnell die gewünschte Länge dazuschreiben — fertig. Der Rest wird delegiert.

Und genau darin liegt der Betrug.

Denn KI schreibt nicht. Sie berechnet. Sie empfindet nichts, erinnert nichts, riskiert nichts. Sie kennt keine schlaflosen Nächte, keine Scham über misslungene Sätze, keine Angst vor dem leeren Blatt. Sie tastet sich nicht durch Gedanken. Sie sucht nach Wahrscheinlichkeiten. Nach Mustern. Nach bereits Gesagtem. Sie setzt Sprache zusammen wie ein Glücksspielautomat, der gelernt hat, welche Wörter Menschen für bedeutungsvoll halten.

Das Ergebnis klingt oft erstaunlich ordentlich. Gerade deshalb ist es so gefährlich.

Denn Mittelmaß war noch nie so leicht herzustellen wie heute. Glatte Sätze. Saubere Übergänge. Ein bisschen Melancholie. Ein paar starke Bilder. Fertig ist der Text, den Tausende andere in ähnlicher Form ebenfalls erzeugen könnten. Literatur aus der Konserve. Sprachliches Fast Food. Die Ergebnisse überfluten die Buchläden. Seichte Texte, ohne Tiefgang. 

Und trotzdem feiern viele diese Entwicklung begeistert. Vielleicht, weil sie endlich etwas umgehen können, das zum Schreiben immer dazugehört hat: die eigene Unzulänglichkeit.

Schreiben war nie bequem. Wer ernsthaft geschrieben hat, kennt das Scheitern. Man sitzt morgens am Schreibtisch und bringt keinen einzigen brauchbaren Satz zustande. Man verwirft Seiten. Man zweifelt an sich selbst. Genau dort beginnt überhaupt erst Stil. Nicht in der Perfektion, sondern im Ringen um eine eigene Sprache.

KI vernichtet dieses Ringen.

Sie nimmt jedem Satz den Widerstand. Jeder Gedanke wird sofort geglättet, geordnet und in eine Form gebracht, die möglichst angenehm lesbar ist. Texte sollen heute nicht mehr verstören, stolpern oder anecken. Sie sollen konsumierbar sein. Schnell. Flüssig. Gefällig.

Ich habe vor einigen Tagen einen älteren Text von mir von einer KI redigieren lassen. Das Ergebnis war technisch betrachtet nicht einmal schlecht. Die Grammatik sauberer. Die Übergänge runder. Manche Formulierungen eleganter.

Und doch war der Text danach tot.

Alles Eigentümliche war verschwunden. Jede kleine Unebenheit. Jede Rauheit. Jede Stelle, an der ein Mensch sichtbar wurde. Die KI hatte aus einem schmalen Weg mit Schlaglöchern eine asphaltierte Bundesstraße gemacht. Schnell befahrbar. Vollkommen seelenlos.

Das eigentlich Erschreckende ist aber etwas anderes: Viele merken den Verlust nicht einmal mehr.

Sie verwechseln sprachliche Glätte mit Qualität. Sie glauben, ein Text sei gut, wenn er sich widerstandslos lesen lässt. Dabei war Kunst nie dazu gedacht, reibungslos zu funktionieren. Große Literatur trägt immer auch etwas Sperriges in sich. Einen Tonfall. Eine Eigenart. Einen Fehler vielleicht sogar. 

KI löscht genau diese Fehler aus. Und mit ihnen verschwindet das Menschliche. KI lernt jede Stunde dazu. Wann sind wir nicht mehr in der Lage herauszufinden, ob die Maschine oder das Gehirn eines Menschen den text geschrieben hat. KI lernt noch vom Menschen, doch KI lernt bereits von KI. KI erschafft heute schon neue KI.

Natürlich wird man einwenden, KI sei doch nur ein Werkzeug. Das ist der Satz, den jede technische Revolution begleitet. Doch Werkzeuge verändern den Menschen, der sie benutzt. Wer sich daran gewöhnt, jeden Gedanken sofort ausformulieren zu lassen, verliert irgendwann die Fähigkeit, überhaupt noch selbst nach Sprache zu suchen. Warum mühsam ringen, wenn innerhalb von fünf Sekunden ein brauchbares Ergebnis erscheint?

Genau dort beginnt die geistige Verarmung.

Denn Phantasie entsteht nicht aus Bequemlichkeit. Sie entsteht aus Leere. Aus Langeweile. Aus Stille. Aus dem verzweifelten Versuch, etwas in Worte zu fassen, das sich zunächst nicht greifen lässt. Wer diesen Prozess dauerhaft an Maschinen auslagert, trainiert sich das eigene Denken langsam ab.

Vielleicht wird es bald Millionen perfekt formulierter Texte geben. Texte ohne Fehler. Ohne Brüche. Ohne jedes Risiko.

Und vielleicht wird man gerade deshalb irgendwann lernen, sich wieder nach einem einzigen unvollkommenen Satz zu sehnen, hinter dem noch ein wirklicher Mensch erkennbar ist.

Wenn ich morgens am Schreibtisch sitze und mir nichts einfällt, dann halte ich diese Leere aus. Ich klappe das MacBook zu. Ich lese, gehe spazieren. Ich warte.

Denn ein schlechter eigener Satz ist mir tausendmal lieber als ein perfekter fremder.

Das Licht im Stall

Er stand vor dem Deich und schaute auf das Anwesen. Den Stall konnte er noch erkennen. Sie hatten ein neues Tor eingebaut, doch das Dach wirkte inzwischen alt. Dort, wo früher das Gulfhaus gestanden hatte, erhob sich nun ein großes Wohnhaus mit Gauben. Im Baustil erinnerte es noch an jene Häuser, die einst überall auf dem Fehn gestanden hatten. Damals.

Die Fehnstelle, die zum Haus gehörte, war etwa drei Hektar groß. Kaum vorstellbar, dass sein Urururgroßvater auf diesem Stück Land eine Familie hatte ernähren können. Schon in seiner Kindheit war die Landwirtschaft weiter entwickelt gewesen. Hatten seine Vorfahren noch fünf oder sechs Kühe gehalten, standen bei seinem Vater bereits dreißig Milchkühe im Stall.

Von den alten Stallungen war nichts geblieben. Den Stall, der heute alt wirkte, hatten sie erst in den siebziger Jahren errichtet. Die Tore hatte er damals selbst gebaut und montiert. Vor dem Haus weideten die Kühe. Nachts, wenn er bei offenem Fenster schlief, konnte er sie hören: Husten, dumpfes Scharren, das ruhige Wiederkäuen. Sonst nichts. Kein Verkehr. Kein fernes Rauschen. Auch kein Licht war zu sehen, wenn er nachts aus dem Fenster blickte. Straßenlaternen gab es nicht. Nur Dunkelheit, Sterne und manchmal der Vollmond, der alles in ein unwirkliches Licht tauchte.

Oft saß er im Sommer nachts am Fenster, wenn ihn seine Alpträume nicht schlafen ließen. Dann beobachtete er die Kühe. Danach konnte er meist ohne Alpträume weiterschlafen. Im Herbst und Winter sah er manchmal weit entfernt Licht im Stall des Nachbarn. Dann wusste er, dass ein Kalb geboren wurde. Auf den Höfen war das mehr als nur ein Ereignis gewesen. Jedes Kalb sicherte die Existenz. Der Verlust eines Kalbes war schmerzhaft. Er liebte die Kälber. Liebte den warmen Geruch des Stalls, den schweren Atem der Kühe, die Wärme ihrer Körper im Winter.

Der Gedanke verflog, als sich aus der Ferne ein Traktor näherte. Er trat zur Seite. Der Fahrer hob kurz die Hand zum Gruß, so wie man es hier immer getan hatte. Früher waren die Menschen stärker aufeinander angewiesen gewesen. Die Freundlichkeit war geblieben.

Westlich ihres Hofes lebte der Nachbar mit seiner Frau von Verpachtungen und der Kriegsrente. Wie viele Männer dort hatte auch er den Krieg erlebt. Sein eigener Vater war noch mit sechzehn Jahren eingezogen worden.

Zwischen den Höfen lag eine verlassene Fehnstelle. Ein schmaler Weg führte hindurch. Sah der Nachbar nachts Licht im Stall, machte er sich oft auf den Weg herüber, auch wenn meist keine Hilfe gebraucht wurde. Es gehörte sich einfach so. Wenn ein Kalb geboren worden war und Kuh und Kalb versorgt waren, saßen sie später in der Wohnküche zusammen und tranken Tee. Ganz gleich, wie spät es geworden war.

Als er an diesem Morgen durch das Dorf gefahren war, hatte er vieles kaum wiedererkannt. Alte Häuser waren verschwunden oder modernisiert worden. Dort, wo früher Weiden gelegen hatten, standen nun dicht gedrängt neue Häuser. Manche lehnten sich noch an den Stil der alten Fehnhäuser an, doch die alte Welt war daraus verschwunden.

Kein Kind musste dort im Winter unter mehreren Decken schlafen. Niemand bekam mehr einen heißen Ziegelstein aus dem Ofen ins Bett gelegt.

Am meisten erschreckte ihn der Kanal. Seit Jahren war der Schlick nicht mehr ausgebaggert worden. Das Wasser stand dunkel und schwer zwischen den Ufern. Früher war der Kanal Lebensader gewesen — Entwässerung, Transportweg, Verbindung zur Welt draußen. Nun wirkte er, als würde er langsam verschwinden. Ob die Menschen es gar nicht bemerkten?

Die, die heute hier leben, sind oft Zugezogene. Sie kennen das Land nicht mehr so, wie es einmal gewesen war. Nicht die Männer und Frauen, die mit Spaten und Karren das Moor urbar gemacht hatten. Nicht die Torfhütten. Nicht die Winterkälte, die früher durch jede Ritze kroch.

Die Heimat seiner Kindheit war fort.

Er erinnerte sich, wie sie damals dreißig Kühe durch das Dorf getrieben hatten. Drei Menschen reichten dafür aus. Die wenigen Autos warteten geduldig, bis die Herde vorüber war. Sein Großvater ging mit Schaufel und Eimer hinterher.

Seine Gedanken schweiften weiter zu einem alten Haus in der Nachbarschaft. Zwei Brüder hatten dort ihr Leben verbracht, eher gehaust als gewohnt. Reinhard und Johann. Schrullige Männer, die an Hexen und kleine Teufel glaubten und überall Zeichen sahen. Hinter ihrem Haus gab es einen großen Haufen mit runden Steinen, er durfte nicht bewegt werden.

Als sein Vater jung gewesen war, hatte er oft bei ihnen gesessen und ihren Geschichten zugehört. Er selbst hatte nur noch Johann gekannt. Der andere Bruder war bereits vor seiner Geburt gestorben.

Heute erinnerte nichts mehr an den alten Hof.

Er ging zu seinem Auto, holte die Thermoskanne, das in Papier eingeschlagene Butterbrot und eine Decke. Oben auf dem Deich breitete er sie aus, schenkte sich Tee ein und setzte sich so hin, dass er über die Fehnstellen blicken konnte.

Die Sonne stand in seinem Rücken. Ein leichter Wind trieb die wenigen Wolken über den Himmel. Er trank den Tee langsam, in kleinen Schlucken, möglichst heiß. Die Wärme tat ihm gut. Mit dem Geschmack von Schwarzbrot, Butter und Schinken kamen die Erinnerungen zurück. Ein leichtes Stechen zog durch seine Brust.

Unwiederbringlich.

Fliegen umschwirrten das Butterbrot. Er packte alles wieder in seine alte Tasche und zog den Reißverschluss zu, legte sich auf die Decke und blickte in den fast wolkenlosen Himmel. Hoch oben zogen Flugzeuge ihre weißen Streifen durch das Blau. Würde er mit denen da oben tauschen wollen? Der Wind wehte warm und er fühlte sich geborgen. Im Gras zirpten und summten die Insekten. Er roch die dunkle Erde seiner Heimat.

Bald fielen ihm die Augen zu.

Er träumte von seiner Kindheit. Davon, wie er mit seiner Schwester ein selbstgebautes Boot aus alten Ölfässern zum Kanal geschleppt hatte. Davon, wie sie ihn später auf dem Rücken nach Hause getragen hatte. Dann erschien Liesel vor ihm. Die rabenschwarze Stute seines Vaters mit der schmalen Blesse. Stark, ruhig und gutmütig. Er sah sich wieder mit seinen Eltern auf dem Pferdewagen zu einem abgeernteten Feld fahren. Sie hatten kalten Tee und Butterbrote eingepackt, denn der Tag würde lang werden. Jeder Halm Heu wurde damals aufgeharkt. Nichts durfte verloren gehen.

Die Tasche mit den Butterbroten hatte seine Mutter unter den Wagen gestellt, damit sie im Schatten blieb. Das Pferd war lang angebunden worden, damit es sich bewegen konnte. Wie immer, wenn er mit im Feld war, streunte er durch die Gegend, um Brombeeren zu sammeln. Als er Stunden später zurückkehrte, war kein einziges Butterbrot mehr übrig.

Das Pferd hatte sich losgerissen und alles gefressen. Nur den Tee hatte es stehen lassen. So blieben ihnen nur das Körbchen mit Brombeeren. Mit knurrenden Mägen machten sie sich später auf den langen Heimweg. Damals hatte er darüber lachen müssen.

Er wachte auf. Er musste lange geschlafen haben, denn die Sonne stand jetzt viel tiefer. Er nahm die Decke zusammen, packte die Tasche und ging zum Auto. Dann fuhr er den Kanal entlang, ließ das Fenster herunter. Nochmal frische Luft hineinlassen. Am Ende der Straße schaute er etwas länger  in den Spiegel, blieb kurz stehen. 

Dann bog er nach rechts ab.

Du bist da

Wie gerne hätte ich dich noch hier. Wie gerne würde ich nochmal mit dir über das Leben philosophieren, wie wir es sooft getan haben. Wie gerne nochmal in deine blassblauen Augen schauen, die so viel gesehen haben. Wie gerne, einfach neben dir zu sitzen und zu wissen: Du bist da.

Als du gegangen bist, war mein Leben ohnehin im Umbruch. Du warst einfach nicht mehr da, obwohl ich dir noch so viel zu sagen hatte. Du hast gesagt, es sei alles gut. Das gab mir Ruhe und auch Unruhe. War es wirklich so? War es denn auch für mich gut?

Dann der Moment, in dem nichts mehr so ist, wie es war. Alles ist plötzlich anders. Nichts bleibt von dem, was einmal war. Kein verschmitztes Lächeln. Keine warme Hand, die hält. Keine Augen, die mich ansehen konnten, wie sonst niemand. Von der schweren Arbeit gezeichnete Hände, die sich nie gegen mich erhoben haben. Eine Stimme, die nie laut oder bestimmend wurde.

Im Nachhinein denke ich, dass das Leben dich zweimal betrogen hat. Viel zu früh der Kindheit entrissen, in einen mörderischen Krieg hineingeworfen. Du hast es überlebt, aber hast du es je überwunden? Und dann, als all die Arbeit in deinem Leben getan war, da hättest du ruhen können, stolz auf das sein, was du erreicht hast, da war die Zeit wiederum zu kurz.

Die teuflischste aller Krankheiten hat dich schließlich besiegt. Diesen Kampf konntest du nicht mehr gewinnen. Du bist nicht mehr da – und doch jeden Tag bei mir.

Kolumne zum Wochenende

door to the vault in the centro cultural banco do brasil sao paulo

Der Tresor

Wir sind es gewohnt, wenn wir die Zeitung aufschlagen, zuerst das Schwere zu finden. Krieg. Überfälle. Politische Ratlosigkeit. Ein Land, das sich dreht, aber nicht vorankommt. Stillstand, der langsam zum Rückschritt wird. Und irgendwo dazwischen die nächste Angst, die nächste Bedrohung. Jetzt auch noch die künstliche Intelligenz, die uns vielleicht eines Tages ersetzt – oder gleich ganz abschafft. Man liest das alles, klappt die Zeitung zu und bleibt zurück mit einem Gefühl, das man kaum noch benennen will.

Wann haben Sie zuletzt etwas gelesen, bei dem Sie sich zurückgelehnt haben? Nicht aus Erschöpfung, sondern aus Ruhe. Weil es gut war. Weil es richtig war.

Die Geschichte, die ich Ihnen erzählen will, ist so eine. Sie ist unspektakulär. Nur eine kleine Zeitungsnotiz. Und genau darin liegt ihre Wucht.

Ein Mann – nennen wir ihn Paul – kauft bei eBay einen alten Tresor. 150 Euro. Kein großes Ding. Kein Museumsstück. Eher etwas, das man in die Garage stellt und irgendwann vielleicht benutzt. Oder auch nicht. Der Verkäufer erzählt ihm noch, dass das Teil schon lange in der Familie war. Vom Großvater zum Vater, vom Vater zu ihm. Papiere, ein paar Erinnerungsstücke. Mehr nicht. Jetzt steht er im Weg. Also weg damit. Paul nimmt den Tresor mit.

Eine Woche passiert nichts. Dann, an einem ganz normalen Tag, öffnet er ihn, schaut hinein, fährt mit der Hand über das kalte Metall und bleibt plötzlich hängen. Da ist etwas. Eine Unebenheit, kaum sichtbar. Er drückt dagegen. Nichts. Noch einmal, fester. Dann gibt die Wand nach. Eine zweite Wand. Ein Hohlraum.

Und darin: ein Gegenstand. Glänzend. Kompakt. Schwer. Zu schwer.

Ein Goldbarren.

Paul wiegt ihn. 750 Gramm. Er googelt, rechnet und kommt auf eine Zahl, die in seinem Leben bisher keine Rolle gespielt hat: 90.000 Euro. Und plötzlich ist alles da. Die Bilder. Die Möglichkeiten. Die Versuchung. Reisen, ein neues Auto, vielleicht einfach nur ein Stück Sicherheit. Alles passt in diesen einen Moment.

Und dann kommt ein anderer Gedanke. Leiser. Unbequemer. Das gehört dir nicht.

Paul setzt sich, schaut den Barren an und merkt, dass sich etwas verschiebt. Nicht im Tresor. In ihm. Er könnte es behalten, vielleicht sogar legal. Wer weiß das schon genau. Aber Recht und Richtigkeit sind nicht immer dasselbe.

Am nächsten Morgen ruft er den Verkäufer an. Ein kurzer Termin, kein großes Drama. Paul gibt den Barren zurück. Die beiden einigen sich auf einen Finderlohn. Wie hoch, weiß niemand. Es ist auch nicht wichtig. Wichtig ist etwas anderes: Paul geht nach Hause und ist leichter.

In einer Zeit, in der wir täglich lesen, wozu Menschen im Schlechten fähig sind, wirkt so eine Geschichte fast fremd. Fast naiv. Und vielleicht ist genau das ihr Wert. Sie erinnert uns daran, dass Anstand keine Schlagzeile braucht, dass Ehrlichkeit leise ist und dass Würde oft genau dort beginnt, wo niemand zusieht.

Ich frage mich, wie ich mich entschieden hätte. Und ich bin mir nicht sicher, ob mir die Antwort gefallen würde.

Geburtstag

close up shot of hands of an analog clock

Als du geboren wurdest, war das Unfassbare längst geschehen.
Die Welt, in die du kamst, war keine für Kinder.

Dein Weg zur Schule führte nicht durch Unbeschwertheit,
sondern durch Wachsamkeit.
Wenn die Luft laut wurde,
sprangt ihr in den Graben,
hieltet den Atem an,
als könnte Stille euch retten.

Auf dem Hof, neben der Scheune,
stand diese Maschine,
groß und fremd,
gegen den Himmel gerichtet –
als ließe sich die Angst vertreiben.

Der Vater war weit weg.
Verloren auf Feldern,
auf denen nichts wuchs
als die Furcht,
die Heimat nie wiederzusehen.
Gefangen in einem System,
das Menschen brach,
lange bevor es sie gehen ließ.

Und du –
du hast gelernt zu überleben,
früher, als ein Kind es je sollte.
Doch etwas in dir
ist ganz geblieben.

Aus dem, was man dir genommen hat,
ist in dir etwas gewachsen:
Hoffnung.
Leise,
aber unbeirrbar.

Als der Vater zurückkam,
war er ein Fremder.
Und doch hast du gesehen,
was aus ihm geworden war.
Vielleicht auch,
was aus euch allen geworden war.

Dein Leben war kein leichtes.
Es war ein Geben.
Ein Dasein.
Ein stilles Tragen.

Alles, was dir gefehlt hat,
hast du uns geschenkt:
Liebe.
Geborgenheit.
Sicherheit.

Und mehr noch –
eine Art, Mensch zu sein,
die bleibt.

Heute wärst du 90 Jahre alt geworden.
Und ich merke,
wie sehr du fehlst.

Nicht nur heute.
An jedem einzelnen Tag.

Auf dem Gedankenstrom

scenic river flowing through mountain valley

Gegen die Vergangenheit
kein Widerstand mehr.
Ich treibe.

Im Strom der Gedanken –
nicht leicht,
nur leichter als zuvor.

Sie kommen,
gehen,
lassen Reste zurück.

Wünsche.
Schuld.
Dinge,
die sich nicht auflösen.

Träume –
nicht gezählt,
nur verbraucht.

Vielleicht nichts versäumt.
Vielleicht alles.

Und doch:
Ich würde wieder so gehen,
durch dieselben Risse,
dieselben Irrtümer,
dieselbe Blindheit.

Aus Trotz.
Oder weil es keinen anderen Weg gab.

Zuversicht?
Ein leiser Rest davon.
Hartnäckig.

Nichts hält.
Nichts bleibt.

Und doch –
geht nichts verloren.

Flüssig gewordene Sehnsucht

fizzing sea wave

Die Brandung.

Immer wieder
wirft sie die Wellen an den Strand,
als gäbe es kein anderes Ziel,
als müssten sie etwas erreichen,
das sie nie halten können.

Es ist, als rufe dich das Meer.
Nicht laut.
Eher ein Ziehen,
tief unter der Haut.

Eine Sehnsucht,
flüssig geworden.

Du bleibst stehen.
Ziehst Schuhe und Strümpfe aus,
lässt sie achtlos zurück.

Der Sand trägt dich.
Hell, fast unwirklich,
durchzogen von Muschelschalen,
zerbrechlich wie das,
was in dir nachklingt.

Du gehst weiter.
Schritt für Schritt.

Bis das Wasser dich erreicht.

Kalt.
Zärtlich.
Unaufhaltsam.

Es umspült deine Füße,
zieht sich zurück,
kommt wieder —
als würde es dich prüfen,
oder erinnern.

Und für einen Moment
hörst du auf, dich zu wehren.

Da ist keine Grenze mehr.
Nicht zwischen dir und dem Meer.
Nicht zwischen dir und dem,
was dich ruft.

Nur dieses leise Wissen:

Du bist nicht getrennt.

Du warst es nie.

Frohe Ostern, lieber Johann!

a yellow daffodils in full bloom

Eine Geschichte, die jedes Jahr ein wenig anders wurde.

Zu Ostern erzählte mein Vater immer wieder diese Geschichte. Jedes Mal ein wenig anders, als würde sie sich selbst verändern, während er sprach. Vielleicht war es wirklich so geschehen – vielleicht auch nicht. Heute kann ich niemanden mehr fragen. Mein Großvater, mein Vater und seine beiden Brüder sind längst nicht mehr da.

Die Geschichte führt zurück in eine Zeit, in der sie alle noch zusammen auf dem elterlichen Hof lebten. Mein Vater war damals ein Junge von vielleicht zwölf Jahren.

Mein Großvater war ein umtriebiger Mensch. Einer, der nicht lange stillsitzen konnte und dessen Weg ihn eher zu den Menschen führte als auf die Felder des eigenen Hofes. Als Prädikant der evangelischen Kirche Hannover im Kirchenkreis Potshausen war er viel unterwegs. Für mich als Kind schien es, als kenne er jeden – und jeder kenne ihn.

Und so kam es wohl auch, dass er bei manch alleinstehender Dame ein und aus ging. Ich will darüber nicht urteilen. Aber eines ist sicher: Einige von ihnen hatten ein Auge auf ihn geworfen.

Es war ein Ostersonntag.

Am Nachmittag saßen mein Vater, seine Brüder und mein Großvater in der Küche. Ob meine Großmutter dabei war, weiß ich nicht mehr. Vielleicht war sie nicht da – vielleicht war genau das der Grund, warum sich die folgende Szene überhaupt ereignen konnte. Sie war oft krank, und es wäre gut möglich, dass sie zu dieser Zeit bei Verwandten in Wattenscheid war.

Die Tür zur Küche stand offen, wie es damals in Ostfriesland üblich war.

Plötzlich trat eine Frau ein.

Mein Vater sagte, sie hätten sofort gewusst, wer sie war. Eine auffallend hübsche Frau – ihren Namen kannte ich einmal, doch er ist mir entfallen. Mein Großvater erstarrte. Für einen Moment stand ihm die Überraschung ins Gesicht geschrieben, dann glitt sein Blick verlegen zu seinen drei Söhnen hinüber, die dicht nebeneinander auf dem Sofa saßen – wachsam, gespannt, beinahe lauernd.

Die Frau – nennen wir sie einfach Anni – ging ohne zu zögern auf ihn zu. Sie öffnete ihre Handtasche, suchte einen Moment darin und zog schließlich eine Tafel Schokolade hervor. Mit einer Selbstverständlichkeit, die keinen Zweifel zuließ, reichte sie sie ihm, trat näher, umarmte ihn, küsste ihn auf die Wange und sagte, hell und freudig:

„Frohe Ostern, lieber Johann.“

Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen.

Dann brach das Lachen los.

Mein Vater und seine Brüder konnten nicht anders – sie lachten laut, hemmungslos, wie Jungen es tun, wenn sie etwas entdecken, das größer ist als sie selbst. Ein Schabernack des Lebens, direkt vor ihren Augen.

Anni zögerte, vielleicht nur einen Wimpernschlag lang. Dann wandte sie sich ab und verschwand durch die Küchentür nach draußen, hinaus ins Freie, hinaus aus diesem Moment. Mein Großvater lief rot an, murmelte etwas Unverständliches und verließ ebenfalls die Küche.

Zurück blieb – neben dem Echo des Lachens – eine Tafel Schokolade.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Jungen sie schnell verschwinden ließen. Spuren sollten schließlich keine bleiben.

Und so wurde diese Begebenheit Teil unserer Ostern.

Kein Jahr verging, ohne dass meine Onkel zu Besuch kamen. Kein Ostern, an dem diese Geschichte nicht erzählt wurde – am liebsten dann, wenn mein Großvater selbst mit am Tisch saß. Und jedes Mal klang sie ein wenig anders, als würde sie sich dem Erzähler anpassen, sich neu formen, weiterleben.

Ob sie wahr ist?

Ich glaube schon, dass etwas Wahres in ihr steckt. Aber vielleicht ist das gar nicht entscheidend.

Manche Geschichten brauchen keine Gewissheit. Sie brauchen nur Erinnerung.

In diesem Sinne:
Frohe Ostern, lieber Johann.
Frohe Ostern, Papa. Frohe Ostern, Bernhard. Frohe Ostern, Artur.

Ihr fehlt mir.
Doch an Ostern seid ihr mir näher als sonst.

Chester

Wir sind durch die Jahre gegangen

wie durch weiches Licht –

du neben mir,

manchmal vor mir,

nie wirklich fort.

Auf den Ausstellungen

standest du im Glanz,

getragen von Menschenhand –

und doch war es dein Wesen,

das alle Blicke hielt.

Und dann wieder die Wege,

die nur uns gehörten:

Schritte im Gras,

der Atem der Zeit zwischen uns,

kein Ziel, nur Sein.

Du bist gelaufen, Chester –

so selbstverständlich,

als gäbe es kein Ende.

Und vielleicht gibt es das auch nicht.

Denn jetzt,

wo deine Schritte leiser werden,

sprichst du auf eine andere Weise:

in deinem Blick,

in deiner Nähe,

in dem, was bleibt,

wenn alles andere langsamer wird.

Sechzehn Jahre –

und kein einziger davon verloren.

Nur verwandelt

in Liebe,

die nicht vergeht.

Kolumne zum Wochenende

close up shot of books


Die Abkehr von Kindle, Tolino und Co.

Was mich dazu bringt, darüber zu schreiben, kann ich gar nicht so genau sagen. Vielleicht sind es die kleinen Dinge, die sich nicht aufdrängen und doch bleiben. Vor ein paar Tagen nahm ich meinen Kindle vom Schreibtisch. Ich wollte nur kurz nachsehen, was ich darauf gespeichert habe. Ob da vielleicht noch Bücher sind, die ich längst gekauft, aber nie gelesen habe. So eine stille Neugier, mehr nicht.

Die Batterie war leer. Nicht ein wenig – ganz. Das Gerät blieb stumm. Ich suchte ein Kabel, fand schließlich eines, schloss es an und legte den Reader zurück auf den Tisch. Morgen, dachte ich. Doch dieses Morgen kam nicht. Und während das Gerät dort lag und langsam wieder zu sich kam, wurde mir etwas anderes klar: Elektronische Bücher haben ihren Platz, auch in meinem Leben. Aber sie bleiben merkwürdig leicht. Fast zu leicht.

Im Urlaub zum Beispiel. Man nimmt sich vor zu lesen. Endlich einmal. Vielleicht dieses eine Buch, das schon so lange wartet. Doch dann steht man vor der Entscheidung, welches man mitnimmt. Es wiegt, nimmt Platz ein, liegt später vielleicht doch nur im Hotelzimmer. Der Reader dagegen wirkt wie die bessere Lösung: leicht, unauffällig, gefüllt mit einer ganzen Bibliothek. Eine kleine Welt in der Hand.

Und doch ist da dieser Moment. Man liegt am Strand, denkt: Jetzt lese ich. Aber das Buch ist nicht geladen. Oder gar nicht erst heruntergeladen. Kein WLAN, kein Zugriff. Das Smartphone liegt im Safe, aus guten Gründen. Versprochen ist versprochen. Und plötzlich ist da nichts als Leere. Vielleicht auch dieser leise Gedanke: Ein Buch würde jetzt reichen.

Natürlich hätte man daran denken können. Vorher. In Ruhe. Aber man hat es nicht.

Ich weiß nicht, wie viele Bücher Sie besitzen. Aber ich stelle mir vor, dass irgendwo in Ihrem Zuhause ein Regal steht. Still, verlässlich, ohne jede Eile. Darin reihen sich Bücher aneinander, jedes für sich, und doch alle verbunden durch die Zeit, die sie tragen. Es gibt diesen Moment, in dem man eines herausnimmt, es aufschlägt, ohne ein bestimmtes Ziel. Man blättert. Bleibt hängen. Und merkt, wie etwas in Bewegung kommt.

Ich glaube, Bücher haben eine Seele. Sie tragen mehr als nur Worte. Sie tragen Zeit. Meine Zeit. Die Zeit, in der ich sie gekauft habe. Oder geschenkt bekam. Sie bewahren etwas von dem, was war, und geben es zurück, wenn ich sie wieder öffne. Es ist, als läge zwischen den Seiten nicht nur Text, sondern Erinnerung.

Bücher altern. Wie wir. Sie werden weicher, vielleicht auch brüchiger. Nicht mehr makellos. Aber gerade darin liegt ihr Wert. Sie verändern sich, ohne zu verschwinden.

Eines meiner Bücher ist David Copperfield von Charles Dickens. Wenn ich es aus dem Regal nehme, bin ich wieder an einem See meiner Jugend. Sommer. Wasser. Zeit, die sich anders anfühlte. Ich blättere langsam, fast vorsichtig, und plötzlich ist er wieder da, dieser Duft von Papier, von Sonne, von etwas Vergangenem, das nicht ganz vergangen ist.

Manchmal stehen Bücher eines Autors nebeneinander, Band für Band, Jahr für Jahr. Dann sieht man es förmlich vor sich: ein Leben, geordnet, sichtbar geworden. Und zugleich erzählt jedes Regal auch etwas über den, dem es gehört. Es zeigt, was ihn interessiert, was ihn begleitet hat. Und manchmal bleibt jemand davor stehen, schaut, erkennt etwas wieder. Vielleicht ein Buch, das er selbst gelesen hat. Und dann beginnt ein Gespräch. Ganz ohne Vorbereitung. Einfach so.

Versuchen Sie das einmal mit einem Reader. Der irgendwo in einer Schublade liegt. Still. Dunkel. Wartend.

Ich wünsche Ihnen eine gute Lesewoche.