Die zweite Tasse

ceramic cups and saucers on glass table

Heute Morgen, am Friedhof, kam mir ein alter Mann auf einem Fahrrad entgegen.

Er trug einen in Zeitungspapier gewickelten Blumenstrauß bei sich. Der alte Mann öffnete das Tor zum Friedhof und schob das Fahrrad hindurch. In meinen Gedanken stelle ich mir vor, dass seine verstorbene Frau heute Geburtstag hat und er ihr die Blumen ans Grab bringt.

Er wird dann wieder nach Hause fahren, das gerahmte Bild seiner Frau auf den Küchentisch stellen – an die Stelle, an der sie immer gesessen hat. Dann schneidet er ein Stück Zitronenkuchen auf und legt auch ihr ein Stück auf den Teller.

Er holt die Porzellankanne aus dem Schrank und füllt den frischen Kaffee hinein. Er gießt sich und seiner Frau Kaffee ein. Dann setzt er sich auf den Stuhl.

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“, sagt er mit leiser Stimme.

Eine Träne tropft dabei in seinen Kaffee.

1945

a statue on a cemetery

Das Taxi hielt direkt vor dem Friedhofstor. Ich blieb stehen. Mein Hund zog kurz an der Leine, dann wartete er.

Eine Frau stieg aus.

Groß, aufrecht, ein helles Kleid, das sich kaum bewegte. Der Strohhut war breit genug, um ihr Gesicht im Schatten zu halten. Der Fahrer hob einen Trolley aus dem Kofferraum. Sie nickte nur, nahm den Griff und ging los.

Langsam. Sicher. Ohne zu zögern.

Ich weiß nicht, warum ich ihr folgte. Vielleicht, weil sie nicht hierher zu passen schien. Oder weil sie wirkte, als käme sie nicht oft. Am Eingang zögerte sie nicht, kein suchender Blick, kein Innehalten. Sie kannte den Weg. Zwischen den Gräbern verlor ich sie beinahe aus den Augen, dann sah ich sie wieder. Sie blieb stehen, stellte den Trolley ab.

Ein Grab.

Ich setzte mich auf eine Bank, etwas abseits. Mein Hund legte sich neben mich. Ich hielt das Telefon in der Hand, ohne es zu benutzen. Die Frau öffnete den Trolley. Handschuhe. Hell, beinahe rosa. Sie zog sie langsam über, strich die Finger glatt, als müsse alles genau sitzen.

Dann begann sie zu arbeiten.

Eine kleine Schaufel, eine Harke. Bewegungen, die nichts Suchendes hatten. Sie wusste, wo sie ansetzen musste. Entfernte Verblühtes, lockerte die Erde, strich sie glatt.

Sie arbeitete lange. Ohne Pause. Ohne sich umzusehen. Ohne Eile. Ich versuchte mir vorzustellen, wer hier lag. Ein Mann, dachte ich zuerst. Vielleicht ihr Mann. Später dachte ich an ein Kind. Dann wieder nicht. Nichts an ihr wirkte gebrochen. Eher gesammelt. Als hätte sie etwas geordnet, das sich nicht mehr ändern ließ.

Nach einer Weile stand ich auf. Mein Hund folgte mir. Ich ging einen Bogen, nicht zu nah.

Als ich noch einmal stehen blieb, hob sie den Kopf.

Ihr Gesicht lag nun im Licht.

Alt, ja. Aber klar. Wach. Die Haut fein, fast durchscheinend. Weißes Haar unter dem Hut.

Und ihre Augen.

Blau.

Für einen Moment sah sie mich an, ohne Frage, ohne Abwehr. Eher, als hätte sie längst bemerkt, dass ich da war. Dann senkte sie den Blick wieder. Ich ging weiter. Am Ausgang stand das Taxi. Der gleiche Wagen, der gleiche Fahrer. Er öffnete den Kofferraum, nahm den Trolley entgegen, stellte ihn hinein. Hielt ihr die Tür auf.

Sie stieg ein, ohne den Hut abzunehmen.

Ich blieb noch stehen, bis das Taxi verschwunden war. Dann ging ich nach Hause.

Ich habe lange nicht mehr an sie gedacht. Bis ich vor einigen Tagen wieder an dem Grab vorbeikam. Der Stein war überarbeitet worden.

Zwei Namen.

Paul – gestorben 1945.
Elisabeth – gestorben 2017.

Beide am selben Tag geboren. Ich blieb stehen. Die Erde war uneben, das Beet überwuchert. Es hatte sich wohl seit einiger Zeit niemand darum gekümmert. Ich ging nach Hause.

Am nächsten Tag nahm ich eine kleine Schaufel und eine Harke mit auf den Friedhof.

Ich sah mich um. Niemand in der Nähe. Mein Hund setzte sich neben das Grab und sah mir zu.

Ich begann zu arbeiten.

Der lebendige Weg

selective focus photo of stone under green trees

Ich trete in den weißen Kies.
Unter den dünnen Sohlen meiner Sneaker
erwacht er zum Leben —
ein leises Gleiten, ein tastendes Nachgeben,
als prüfe er meinen Schritt.

Ein Kiesweg duldet kein Zögern.
Er fordert Hingabe.
Nur wer sich ihm überlässt,
wird von ihm getragen.

Er weicht nicht —
er antwortet.
Er schmiegt sich dem Fuß,
ohne sich preiszugeben.

Sein Knirschen, kaum mehr als ein Flüstern,
verwebt sich mit dem Atem des Frühlings,
mit dem fernen Rufen der Vögel —
eine Musik,
die nicht erklingt,
sondern entsteht.

Und der Stein?
Hart.
Verschlossen.
Ein Körper ohne Erinnerung.
Er weist den Regen ab,
wo der Kies ihn durch sich hindurchlässt,
ihn bewahrt,
ohne ihn festzuhalten.

So ist der Kies
dem Leben verwandt —
beweglich, durchlässig,
im ständigen Werden.

Kein Schritt wiederholt sich.
Kein Moment kehrt zurück.

Ich gehe —
hinauf, hinab,
getragen vom Wandel.

Und während ich gehe,
begreife ich leise:
Nicht der Weg verändert sich.

Ich bin es.

Das Schweigen der Ferne

solitary tree in misty landscape at dawn

Kalt umschließt mich
der Nebel des frühen Tages.
Was ich Hoffnung nenne,
ist nur ein Ahnen.

Die Ferne schweigt.
Und doch gebe ich ihr Sinn.

Die Zukunft –
Versprechen der Sterne
oder ihr gleichgültiges Leuchten.

Ein Schleier liegt vor dem Leben.
Ich gehe hindurch,
ohne zu wissen,
ob es einen Weg gibt
oder nur mein Gehen.

Die Lieder des Lebens erklingen –
und ich singe sie,
weil Schweigen
keine Antwort ist.

Als die Welt stillstand

horses running in a shadow

Er ging, ohne sich zu verabschieden.

Die Stimmen blieben hinter ihm zurück, das Lachen, das Klirren von Gläsern – alles verlor sich, noch bevor er die Straße erreichte. Es war eine dieser Feiern, die Menschen veranstalten, nur weil sie älter geworden sind. Er hatte nie verstanden, warum man das feiert. Mit jedem Jahr, dachte er, rückt der Tod näher.

Leise. Unaufhaltsam. Warum also diese Annäherung feiern?

Geboren zu werden war keine Leistung. Das hatten andere entschieden. Seine Eltern. Vielleicht war selbst das nur ein Zufall gewesen, ein Versehen. Und ein Versehen – was gäbe es daran zu feiern?

Er pfiff leise. Chester kam sofort.

Die Halsung, eine feine Lederarbeit einer Freundin, lag ruhig um seinen Hals. Kein Widerstand, kein Zögern. Das leise Klicken des Karabiners klang wie ein kleines Versprechen.

Dann gingen sie.

Der Weg führte hinaus aus dem Ort, hinein in die offene Nacht. Der Mond stand hoch, bereits im Abnehmen, und legte ein blasses Licht über die Felder. Rechts das Maisfeld, dicht und hoch. Links die dunkle Buchenhecke. Ein schmaler Gang durch Schatten. Für einen Moment stellte er sich vor, ein Zug käme ihnen entgegen. Er würde ihn nicht sehen, bis es zu spät wäre.

Über ihnen flatterten Fledermäuse. In der Ferne rief eine Eule.

„Jetzt jagen sie“, sagte er leise. „Sie finden ihre Beute – und die Beute weiß es.“

Er hatte keine Angst. Es gab nichts, was ihm Angst machen konnte.

Hinter der Straße wurde es weiter. Offener. Die abgeernteten Felder lagen still, und die Eichen standen darin wie stumme Wächter. Hoch, unbeweglich, als hätten sie alles schon gesehen. Chester blieb stehen, schnupperte, ging weiter, blieb wieder stehen. Er lebte in einer Welt, die ihm verschlossen blieb.

Du hast es gut, dachte er.

Kein Gestern. Kein Morgen. Nur jetzt. Und doch – du hast etwas, das uns fehlt. Du vertraust. Du gehst einfach mit. Immer.

Der Nebel kam langsam. Er kroch über die Felder, legte sich in die Senken, wurde dichter. Das Licht des Mondes verlor seine Schärfe, wurde weich, beinahe milchig. Die Luft roch nach feuchter Erde, nach Gras, nach Verfall.

Als sie die Pferde hörten, blieben sie stehen. Zuerst nur ein Schnauben. Dann das leise, dumpfe Trommeln von Hufen. Die Körper tauchten aus dem Nebel auf, groß und ruhig, als gehörten sie nicht ganz in diese Welt.

Chester erstarrte.

Still. Wach.

Die Pferde kamen näher. Schritt für Schritt, bis sie an der Umzäunung standen.

Er hob die Hand. Eine Fuchsstute trat vor, senkte den Kopf und legte ihre warmen Nüstern in seine Hand. Er bewegte sich nicht.

Für einen Moment war alles still.

Nicht nur ruhig – still. Als hätte die Welt selbst aufgehört, sich zu drehen.

Dann bellte Chester.

Ein kurzer Laut – und alles zerbrach.

Die Pferde stoben auseinander, verschwanden im Nebel. Hufe, Atem, Bewegung – dann nur noch Klang, dann nichts mehr. Der Nebel nahm sie auf. Als wären sie nie da gewesen.

Er blieb stehen.

Atmete ein.

Aus.

Dann griff er nach der Leine. Sie gingen weiter.

Der Weg war kaum noch zu erkennen. Alles war Grau geworden, weich, grenzenlos. Erst weit vorne erschienen Lichter. Warm. Still. Menschlich.

Dort saßen sie. Vor ihren Bildschirmen. Und wussten nichts.

Noch ein paar Schritte.

Dann war die Nacht wieder vorbei.

Nebel

green pine trees covered with fogs under white sky during daytime

Nebel ruht über dem Land,
hält es still in kalter Hand.

Löscht die Welt in weichen Linien,
flüstert leise, ohne Namen, ohne Stimmen.

Ein Versprechen liegt darin:
sich zu lösen – irgendwohin,
und doch zu bleiben, zeitlos sacht,
wie ein Atemzug der Nacht.

Birgt, was keiner je ermisst,
tilgt, was war, und was noch ist.

Hüllst mich ein, so sanft, so nah –
alles Fremde schwindet da.

Und in deinem grauen Licht
bin ich endlich nur noch ich.

Nach dem Sturm

leafless tree on the field

Der Sturm fährt wild durchs weite Land,
so ungezähmt, uns unbekannt.
Nichts hält stand, nichts bleibt bestehen,
vieles vergeht im schnellen Wehen.
Bäume beugen sich, Äste brechen,
Blätter tanzen, wirbeln, sprechen
von der Macht, die uns umfängt –
die Natur, die uns verdrängt.

Sturm und Wind, wie Kinderspiel,
doch mit Kraft und ohne Ziel,
drehen, reißen, jagen fort –
alles wandelt sich im Nu an jedem Ort.

Dann verstummt das wilde Brausen,
Stille legt sich auf das Draußen.
Was geschah, scheint kaum zu fassen,
nur die Spuren sind geblieben, blassen.
Alles liegt verstreut und leer,
nichts ist mehr wie einst zuvor, nichts mehr.

Und wir Menschen, klein und schwach,
stehen still im Nachhall nach.
Doch wie der Sturm die Welt befreit,
trägt er auch in uns die Zeit,
Gedanken, schwer und ungeklärt,
werden still und neu gekehrt.

vom Bleiben des Meeres

Was denkst du, wenn du an das Meer denkst?

Ich weiß es nicht.

Aber ich kann dir sagen, woran ich denke.

Es ist früh am Morgen.

Noch bevor ich das Meer sehe, nehme ich es wahr:

Ich schmecke das Salz auf meinen Lippen, rieche die Luft, die vom Wasser ins Landesinnere zieht. Sie ist kühl, klar und trägt etwas in sich, das älter ist als jeder Gedanke.

Erst später höre ich das Meer.

Ein fernes, gleichmäßiges Rauschen.

Manchmal glaube ich, es ruft nach mir.

Dann gehe ich durch die Dünen.

Sie sind hoch, lang gezogen, vom Wind geformt. Der Sand gibt unter meinen Schritten nach, und mit jedem Schritt öffnet sich der Horizont ein wenig mehr –

bis es plötzlich vor mir liegt.

Das Meer.

Die Sonne steht noch tief.

Ihr erstes Licht fällt flach über das Wasser und lässt die Wellen aufleuchten. An diesem Oktobermorgen sind sie hoch. Der Wind treibt sie an den Strand, lässt sie brechen, lässt sie auslaufen, weit, immer weiter.

Der Schaum bleibt zurück.

Er legt sich über den Sand wie eine dünne Schneeschicht.

Manchmal hebt ihn der Wind wieder an und trägt ihn ein Stück weit in die Dünen hinein, als wären es Flocken, die sich verirrt haben.

Ich beuge mich hinab, nehme eine Handvoll davon.

Er ist leicht, fast nichts – und doch spüre ich sofort das Salz auf meiner Haut, als ich ihn über mein Gesicht und meinen Hals streiche.

Für einen Moment halte ich inne.

Bin ich jetzt Teil davon?

Oder war ich es immer schon?

Die Sonne steigt höher.

Das Licht wird klarer, der Tag beginnt.

Ich wende mich ab und gehe zurück in die Dünen.

Ich drehe mich nicht um.

Man verabschiedet sich nicht vom Meer.

Denn das Meer bleibt.

Nicht nur dort draußen –

sondern auch in mir.

Am Rand der Dünen ist es inzwischen hell geworden. Der Wind hat nachgelassen, alles wirkt ruhiger.

Und doch höre ich sie noch, die Wellen.

Leise.

Beständig.

Und ich weiß:

Ich werde zurückkehren.

Zwischen Tag und Nacht

In der Dämmerung
ein flüchtiger Bund:
Tag
und Nacht.

Stille tritt näher,
legt sich in mich,
öffnet das Hören.

Die Farben versinken.
Das Licht wird ungewiss.

Ein Rascheln nur –
und die Welt hält inne.

Jäger gehen.
Gejagte verschwinden.

Der Morgen wird zählen.

Und wieder:
Tag.
Woche.
Jahr.

Ein Schnitt im Wasser –
der Reiher.

Ein Schatten im Dickicht –
der Fuchs.

Laub spricht leise
unter kleinen Leben.

Und fern,
fast hell:
ein Laut,
der bleibt –
Leben.

Fallende Minuten

Am späten Abend

wandere ich

durch die Kälte des Tages,

der leise vergeht.

 

Die Luft ist klar,

kein Wind,

nur Stille –

und fern

ein letzter Vogel,

der sein Nachtlager sucht.

 

Es ist die Zeit,

in der die Gedanken

langsamer werden,

zur Ruhe finden,

und der Tag

noch einmal

an mir vorüberzieht.

 

Was bleibt,

halte ich fest –

für morgen,

für später.

 

Im Licht der sinkenden Sonne

glühen die Blätter

tiefer als am Tag.

Sie lösen sich,

schweben,

fallen –

 

wie Minuten

unseres Lebens:

vergangen,

unwiederbringlich.

 

Und doch –

nichts geht verloren.

 

Was vergeht,

wird zu neuem Leben,

zu neuen Gedanken,

die wachsen

im Stillen.