Auf dem Gedankenstrom

scenic river flowing through mountain valley

Gegen die Vergangenheit
kein Widerstand mehr.
Ich treibe.

Im Strom der Gedanken –
nicht leicht,
nur leichter als zuvor.

Sie kommen,
gehen,
lassen Reste zurück.

Wünsche.
Schuld.
Dinge,
die sich nicht auflösen.

Träume –
nicht gezählt,
nur verbraucht.

Vielleicht nichts versäumt.
Vielleicht alles.

Und doch:
Ich würde wieder so gehen,
durch dieselben Risse,
dieselben Irrtümer,
dieselbe Blindheit.

Aus Trotz.
Oder weil es keinen anderen Weg gab.

Zuversicht?
Ein leiser Rest davon.
Hartnäckig.

Nichts hält.
Nichts bleibt.

Und doch –
geht nichts verloren.

Flüssig gewordene Sehnsucht

fizzing sea wave

Die Brandung.

Immer wieder
wirft sie die Wellen an den Strand,
als gäbe es kein anderes Ziel,
als müssten sie etwas erreichen,
das sie nie halten können.

Es ist, als rufe dich das Meer.
Nicht laut.
Eher ein Ziehen,
tief unter der Haut.

Eine Sehnsucht,
flüssig geworden.

Du bleibst stehen.
Ziehst Schuhe und Strümpfe aus,
lässt sie achtlos zurück.

Der Sand trägt dich.
Hell, fast unwirklich,
durchzogen von Muschelschalen,
zerbrechlich wie das,
was in dir nachklingt.

Du gehst weiter.
Schritt für Schritt.

Bis das Wasser dich erreicht.

Kalt.
Zärtlich.
Unaufhaltsam.

Es umspült deine Füße,
zieht sich zurück,
kommt wieder —
als würde es dich prüfen,
oder erinnern.

Und für einen Moment
hörst du auf, dich zu wehren.

Da ist keine Grenze mehr.
Nicht zwischen dir und dem Meer.
Nicht zwischen dir und dem,
was dich ruft.

Nur dieses leise Wissen:

Du bist nicht getrennt.

Du warst es nie.

Chester

Wir sind durch die Jahre gegangen

wie durch weiches Licht –

du neben mir,

manchmal vor mir,

nie wirklich fort.

Auf den Ausstellungen

standest du im Glanz,

getragen von Menschenhand –

und doch war es dein Wesen,

das alle Blicke hielt.

Und dann wieder die Wege,

die nur uns gehörten:

Schritte im Gras,

der Atem der Zeit zwischen uns,

kein Ziel, nur Sein.

Du bist gelaufen, Chester –

so selbstverständlich,

als gäbe es kein Ende.

Und vielleicht gibt es das auch nicht.

Denn jetzt,

wo deine Schritte leiser werden,

sprichst du auf eine andere Weise:

in deinem Blick,

in deiner Nähe,

in dem, was bleibt,

wenn alles andere langsamer wird.

Sechzehn Jahre –

und kein einziger davon verloren.

Nur verwandelt

in Liebe,

die nicht vergeht.

Der lebendige Weg

selective focus photo of stone under green trees

Ich trete in den weißen Kies.
Unter den dünnen Sohlen meiner Sneaker
erwacht er zum Leben —
ein leises Gleiten, ein tastendes Nachgeben,
als prüfe er meinen Schritt.

Ein Kiesweg duldet kein Zögern.
Er fordert Hingabe.
Nur wer sich ihm überlässt,
wird von ihm getragen.

Er weicht nicht —
er antwortet.
Er schmiegt sich dem Fuß,
ohne sich preiszugeben.

Sein Knirschen, kaum mehr als ein Flüstern,
verwebt sich mit dem Atem des Frühlings,
mit dem fernen Rufen der Vögel —
eine Musik,
die nicht erklingt,
sondern entsteht.

Und der Stein?
Hart.
Verschlossen.
Ein Körper ohne Erinnerung.
Er weist den Regen ab,
wo der Kies ihn durch sich hindurchlässt,
ihn bewahrt,
ohne ihn festzuhalten.

So ist der Kies
dem Leben verwandt —
beweglich, durchlässig,
im ständigen Werden.

Kein Schritt wiederholt sich.
Kein Moment kehrt zurück.

Ich gehe —
hinauf, hinab,
getragen vom Wandel.

Und während ich gehe,
begreife ich leise:
Nicht der Weg verändert sich.

Ich bin es.

Das Schweigen der Ferne

solitary tree in misty landscape at dawn

Kalt umschließt mich
der Nebel des frühen Tages.
Was ich Hoffnung nenne,
ist nur ein Ahnen.

Die Ferne schweigt.
Und doch gebe ich ihr Sinn.

Die Zukunft –
Versprechen der Sterne
oder ihr gleichgültiges Leuchten.

Ein Schleier liegt vor dem Leben.
Ich gehe hindurch,
ohne zu wissen,
ob es einen Weg gibt
oder nur mein Gehen.

Die Lieder des Lebens erklingen –
und ich singe sie,
weil Schweigen
keine Antwort ist.

Nebel

green pine trees covered with fogs under white sky during daytime

Nebel ruht über dem Land,
hält es still in kalter Hand.

Löscht die Welt in weichen Linien,
flüstert leise, ohne Namen, ohne Stimmen.

Ein Versprechen liegt darin:
sich zu lösen – irgendwohin,
und doch zu bleiben, zeitlos sacht,
wie ein Atemzug der Nacht.

Birgt, was keiner je ermisst,
tilgt, was war, und was noch ist.

Hüllst mich ein, so sanft, so nah –
alles Fremde schwindet da.

Und in deinem grauen Licht
bin ich endlich nur noch ich.

Nach dem Sturm

leafless tree on the field

Der Sturm fährt wild durchs weite Land,
so ungezähmt, uns unbekannt.
Nichts hält stand, nichts bleibt bestehen,
vieles vergeht im schnellen Wehen.
Bäume beugen sich, Äste brechen,
Blätter tanzen, wirbeln, sprechen
von der Macht, die uns umfängt –
die Natur, die uns verdrängt.

Sturm und Wind, wie Kinderspiel,
doch mit Kraft und ohne Ziel,
drehen, reißen, jagen fort –
alles wandelt sich im Nu an jedem Ort.

Dann verstummt das wilde Brausen,
Stille legt sich auf das Draußen.
Was geschah, scheint kaum zu fassen,
nur die Spuren sind geblieben, blassen.
Alles liegt verstreut und leer,
nichts ist mehr wie einst zuvor, nichts mehr.

Und wir Menschen, klein und schwach,
stehen still im Nachhall nach.
Doch wie der Sturm die Welt befreit,
trägt er auch in uns die Zeit,
Gedanken, schwer und ungeklärt,
werden still und neu gekehrt.

Zwischen Tag und Nacht

In der Dämmerung
ein flüchtiger Bund:
Tag
und Nacht.

Stille tritt näher,
legt sich in mich,
öffnet das Hören.

Die Farben versinken.
Das Licht wird ungewiss.

Ein Rascheln nur –
und die Welt hält inne.

Jäger gehen.
Gejagte verschwinden.

Der Morgen wird zählen.

Und wieder:
Tag.
Woche.
Jahr.

Ein Schnitt im Wasser –
der Reiher.

Ein Schatten im Dickicht –
der Fuchs.

Laub spricht leise
unter kleinen Leben.

Und fern,
fast hell:
ein Laut,
der bleibt –
Leben.

Fallende Minuten

Am späten Abend

wandere ich

durch die Kälte des Tages,

der leise vergeht.

 

Die Luft ist klar,

kein Wind,

nur Stille –

und fern

ein letzter Vogel,

der sein Nachtlager sucht.

 

Es ist die Zeit,

in der die Gedanken

langsamer werden,

zur Ruhe finden,

und der Tag

noch einmal

an mir vorüberzieht.

 

Was bleibt,

halte ich fest –

für morgen,

für später.

 

Im Licht der sinkenden Sonne

glühen die Blätter

tiefer als am Tag.

Sie lösen sich,

schweben,

fallen –

 

wie Minuten

unseres Lebens:

vergangen,

unwiederbringlich.

 

Und doch –

nichts geht verloren.

 

Was vergeht,

wird zu neuem Leben,

zu neuen Gedanken,

die wachsen

im Stillen.

Liebe

brown sand love text on seashore

Liebe fordert nicht

Liebe verlangt nicht

   Liebe gibt

Liebe hält nichts zurück 

   Liebe zeigt alles offen

Liebe kennt keine Lüge 

   Liebe sagt die Wahrheit 

Liebe kennt kein Erwarten 

   Liebe hat Geduld

Liebe ist nicht erklärbar 

   Liebe ist Wunderbar

Liebe kennt keine Ungeduld 

   Liebe kann Warten 

Liebe ist nicht blind 

   Liebe sieht alles 

Liebe ist nicht nachtragend 

   Liebe verzeiht 

Liebe ist nicht starr

   Liebe wächst