1945

a statue on a cemetery

Das Taxi hielt direkt vor dem Friedhofstor. Ich blieb stehen. Mein Hund zog kurz an der Leine, dann wartete er.

Eine Frau stieg aus.

Groß, aufrecht, ein helles Kleid, das sich kaum bewegte. Der Strohhut war breit genug, um ihr Gesicht im Schatten zu halten. Der Fahrer hob einen Trolley aus dem Kofferraum. Sie nickte nur, nahm den Griff und ging los.

Langsam. Sicher. Ohne zu zögern.

Ich weiß nicht, warum ich ihr folgte. Vielleicht, weil sie nicht hierher zu passen schien. Oder weil sie wirkte, als käme sie nicht oft. Am Eingang zögerte sie nicht, kein suchender Blick, kein Innehalten. Sie kannte den Weg. Zwischen den Gräbern verlor ich sie beinahe aus den Augen, dann sah ich sie wieder. Sie blieb stehen, stellte den Trolley ab.

Ein Grab.

Ich setzte mich auf eine Bank, etwas abseits. Mein Hund legte sich neben mich. Ich hielt das Telefon in der Hand, ohne es zu benutzen. Die Frau öffnete den Trolley. Handschuhe. Hell, beinahe rosa. Sie zog sie langsam über, strich die Finger glatt, als müsse alles genau sitzen.

Dann begann sie zu arbeiten.

Eine kleine Schaufel, eine Harke. Bewegungen, die nichts Suchendes hatten. Sie wusste, wo sie ansetzen musste. Entfernte Verblühtes, lockerte die Erde, strich sie glatt.

Sie arbeitete lange. Ohne Pause. Ohne sich umzusehen. Ohne Eile. Ich versuchte mir vorzustellen, wer hier lag. Ein Mann, dachte ich zuerst. Vielleicht ihr Mann. Später dachte ich an ein Kind. Dann wieder nicht. Nichts an ihr wirkte gebrochen. Eher gesammelt. Als hätte sie etwas geordnet, das sich nicht mehr ändern ließ.

Nach einer Weile stand ich auf. Mein Hund folgte mir. Ich ging einen Bogen, nicht zu nah.

Als ich noch einmal stehen blieb, hob sie den Kopf.

Ihr Gesicht lag nun im Licht.

Alt, ja. Aber klar. Wach. Die Haut fein, fast durchscheinend. Weißes Haar unter dem Hut.

Und ihre Augen.

Blau.

Für einen Moment sah sie mich an, ohne Frage, ohne Abwehr. Eher, als hätte sie längst bemerkt, dass ich da war. Dann senkte sie den Blick wieder. Ich ging weiter. Am Ausgang stand das Taxi. Der gleiche Wagen, der gleiche Fahrer. Er öffnete den Kofferraum, nahm den Trolley entgegen, stellte ihn hinein. Hielt ihr die Tür auf.

Sie stieg ein, ohne den Hut abzunehmen.

Ich blieb noch stehen, bis das Taxi verschwunden war. Dann ging ich nach Hause.

Ich habe lange nicht mehr an sie gedacht. Bis ich vor einigen Tagen wieder an dem Grab vorbeikam. Der Stein war überarbeitet worden.

Zwei Namen.

Paul – gestorben 1945.
Elisabeth – gestorben 2017.

Beide am selben Tag geboren. Ich blieb stehen. Die Erde war uneben, das Beet überwuchert. Es hatte sich wohl seit einiger Zeit niemand darum gekümmert. Ich ging nach Hause.

Am nächsten Tag nahm ich eine kleine Schaufel und eine Harke mit auf den Friedhof.

Ich sah mich um. Niemand in der Nähe. Mein Hund setzte sich neben das Grab und sah mir zu.

Ich begann zu arbeiten.

Der lebendige Weg

selective focus photo of stone under green trees

Ich trete in den weißen Kies.
Unter den dünnen Sohlen meiner Sneaker
erwacht er zum Leben —
ein leises Gleiten, ein tastendes Nachgeben,
als prüfe er meinen Schritt.

Ein Kiesweg duldet kein Zögern.
Er fordert Hingabe.
Nur wer sich ihm überlässt,
wird von ihm getragen.

Er weicht nicht —
er antwortet.
Er schmiegt sich dem Fuß,
ohne sich preiszugeben.

Sein Knirschen, kaum mehr als ein Flüstern,
verwebt sich mit dem Atem des Frühlings,
mit dem fernen Rufen der Vögel —
eine Musik,
die nicht erklingt,
sondern entsteht.

Und der Stein?
Hart.
Verschlossen.
Ein Körper ohne Erinnerung.
Er weist den Regen ab,
wo der Kies ihn durch sich hindurchlässt,
ihn bewahrt,
ohne ihn festzuhalten.

So ist der Kies
dem Leben verwandt —
beweglich, durchlässig,
im ständigen Werden.

Kein Schritt wiederholt sich.
Kein Moment kehrt zurück.

Ich gehe —
hinauf, hinab,
getragen vom Wandel.

Und während ich gehe,
begreife ich leise:
Nicht der Weg verändert sich.

Ich bin es.

Das Schweigen der Ferne

solitary tree in misty landscape at dawn

Kalt umschließt mich
der Nebel des frühen Tages.
Was ich Hoffnung nenne,
ist nur ein Ahnen.

Die Ferne schweigt.
Und doch gebe ich ihr Sinn.

Die Zukunft –
Versprechen der Sterne
oder ihr gleichgültiges Leuchten.

Ein Schleier liegt vor dem Leben.
Ich gehe hindurch,
ohne zu wissen,
ob es einen Weg gibt
oder nur mein Gehen.

Die Lieder des Lebens erklingen –
und ich singe sie,
weil Schweigen
keine Antwort ist.

Als die Welt stillstand

horses running in a shadow

Er ging, ohne sich zu verabschieden.

Die Stimmen blieben hinter ihm zurück, das Lachen, das Klirren von Gläsern – alles verlor sich, noch bevor er die Straße erreichte. Es war eine dieser Feiern, die Menschen veranstalten, nur weil sie älter geworden sind. Er hatte nie verstanden, warum man das feiert. Mit jedem Jahr, dachte er, rückt der Tod näher.

Leise. Unaufhaltsam. Warum also diese Annäherung feiern?

Geboren zu werden war keine Leistung. Das hatten andere entschieden. Seine Eltern. Vielleicht war selbst das nur ein Zufall gewesen, ein Versehen. Und ein Versehen – was gäbe es daran zu feiern?

Er pfiff leise. Chester kam sofort.

Die Halsung, eine feine Lederarbeit einer Freundin, lag ruhig um seinen Hals. Kein Widerstand, kein Zögern. Das leise Klicken des Karabiners klang wie ein kleines Versprechen.

Dann gingen sie.

Der Weg führte hinaus aus dem Ort, hinein in die offene Nacht. Der Mond stand hoch, bereits im Abnehmen, und legte ein blasses Licht über die Felder. Rechts das Maisfeld, dicht und hoch. Links die dunkle Buchenhecke. Ein schmaler Gang durch Schatten. Für einen Moment stellte er sich vor, ein Zug käme ihnen entgegen. Er würde ihn nicht sehen, bis es zu spät wäre.

Über ihnen flatterten Fledermäuse. In der Ferne rief eine Eule.

„Jetzt jagen sie“, sagte er leise. „Sie finden ihre Beute – und die Beute weiß es.“

Er hatte keine Angst. Es gab nichts, was ihm Angst machen konnte.

Hinter der Straße wurde es weiter. Offener. Die abgeernteten Felder lagen still, und die Eichen standen darin wie stumme Wächter. Hoch, unbeweglich, als hätten sie alles schon gesehen. Chester blieb stehen, schnupperte, ging weiter, blieb wieder stehen. Er lebte in einer Welt, die ihm verschlossen blieb.

Du hast es gut, dachte er.

Kein Gestern. Kein Morgen. Nur jetzt. Und doch – du hast etwas, das uns fehlt. Du vertraust. Du gehst einfach mit. Immer.

Der Nebel kam langsam. Er kroch über die Felder, legte sich in die Senken, wurde dichter. Das Licht des Mondes verlor seine Schärfe, wurde weich, beinahe milchig. Die Luft roch nach feuchter Erde, nach Gras, nach Verfall.

Als sie die Pferde hörten, blieben sie stehen. Zuerst nur ein Schnauben. Dann das leise, dumpfe Trommeln von Hufen. Die Körper tauchten aus dem Nebel auf, groß und ruhig, als gehörten sie nicht ganz in diese Welt.

Chester erstarrte.

Still. Wach.

Die Pferde kamen näher. Schritt für Schritt, bis sie an der Umzäunung standen.

Er hob die Hand. Eine Fuchsstute trat vor, senkte den Kopf und legte ihre warmen Nüstern in seine Hand. Er bewegte sich nicht.

Für einen Moment war alles still.

Nicht nur ruhig – still. Als hätte die Welt selbst aufgehört, sich zu drehen.

Dann bellte Chester.

Ein kurzer Laut – und alles zerbrach.

Die Pferde stoben auseinander, verschwanden im Nebel. Hufe, Atem, Bewegung – dann nur noch Klang, dann nichts mehr. Der Nebel nahm sie auf. Als wären sie nie da gewesen.

Er blieb stehen.

Atmete ein.

Aus.

Dann griff er nach der Leine. Sie gingen weiter.

Der Weg war kaum noch zu erkennen. Alles war Grau geworden, weich, grenzenlos. Erst weit vorne erschienen Lichter. Warm. Still. Menschlich.

Dort saßen sie. Vor ihren Bildschirmen. Und wussten nichts.

Noch ein paar Schritte.

Dann war die Nacht wieder vorbei.

Nebel

green pine trees covered with fogs under white sky during daytime

Nebel ruht über dem Land,
hält es still in kalter Hand.

Löscht die Welt in weichen Linien,
flüstert leise, ohne Namen, ohne Stimmen.

Ein Versprechen liegt darin:
sich zu lösen – irgendwohin,
und doch zu bleiben, zeitlos sacht,
wie ein Atemzug der Nacht.

Birgt, was keiner je ermisst,
tilgt, was war, und was noch ist.

Hüllst mich ein, so sanft, so nah –
alles Fremde schwindet da.

Und in deinem grauen Licht
bin ich endlich nur noch ich.

Nach dem Sturm

leafless tree on the field

Der Sturm fährt wild durchs weite Land,
so ungezähmt, uns unbekannt.
Nichts hält stand, nichts bleibt bestehen,
vieles vergeht im schnellen Wehen.
Bäume beugen sich, Äste brechen,
Blätter tanzen, wirbeln, sprechen
von der Macht, die uns umfängt –
die Natur, die uns verdrängt.

Sturm und Wind, wie Kinderspiel,
doch mit Kraft und ohne Ziel,
drehen, reißen, jagen fort –
alles wandelt sich im Nu an jedem Ort.

Dann verstummt das wilde Brausen,
Stille legt sich auf das Draußen.
Was geschah, scheint kaum zu fassen,
nur die Spuren sind geblieben, blassen.
Alles liegt verstreut und leer,
nichts ist mehr wie einst zuvor, nichts mehr.

Und wir Menschen, klein und schwach,
stehen still im Nachhall nach.
Doch wie der Sturm die Welt befreit,
trägt er auch in uns die Zeit,
Gedanken, schwer und ungeklärt,
werden still und neu gekehrt.

vom Bleiben des Meeres

Was denkst du, wenn du an das Meer denkst?

Ich weiß es nicht.

Aber ich kann dir sagen, woran ich denke.

Es ist früh am Morgen.

Noch bevor ich das Meer sehe, nehme ich es wahr:

Ich schmecke das Salz auf meinen Lippen, rieche die Luft, die vom Wasser ins Landesinnere zieht. Sie ist kühl, klar und trägt etwas in sich, das älter ist als jeder Gedanke.

Erst später höre ich das Meer.

Ein fernes, gleichmäßiges Rauschen.

Manchmal glaube ich, es ruft nach mir.

Dann gehe ich durch die Dünen.

Sie sind hoch, lang gezogen, vom Wind geformt. Der Sand gibt unter meinen Schritten nach, und mit jedem Schritt öffnet sich der Horizont ein wenig mehr –

bis es plötzlich vor mir liegt.

Das Meer.

Die Sonne steht noch tief.

Ihr erstes Licht fällt flach über das Wasser und lässt die Wellen aufleuchten. An diesem Oktobermorgen sind sie hoch. Der Wind treibt sie an den Strand, lässt sie brechen, lässt sie auslaufen, weit, immer weiter.

Der Schaum bleibt zurück.

Er legt sich über den Sand wie eine dünne Schneeschicht.

Manchmal hebt ihn der Wind wieder an und trägt ihn ein Stück weit in die Dünen hinein, als wären es Flocken, die sich verirrt haben.

Ich beuge mich hinab, nehme eine Handvoll davon.

Er ist leicht, fast nichts – und doch spüre ich sofort das Salz auf meiner Haut, als ich ihn über mein Gesicht und meinen Hals streiche.

Für einen Moment halte ich inne.

Bin ich jetzt Teil davon?

Oder war ich es immer schon?

Die Sonne steigt höher.

Das Licht wird klarer, der Tag beginnt.

Ich wende mich ab und gehe zurück in die Dünen.

Ich drehe mich nicht um.

Man verabschiedet sich nicht vom Meer.

Denn das Meer bleibt.

Nicht nur dort draußen –

sondern auch in mir.

Am Rand der Dünen ist es inzwischen hell geworden. Der Wind hat nachgelassen, alles wirkt ruhiger.

Und doch höre ich sie noch, die Wellen.

Leise.

Beständig.

Und ich weiß:

Ich werde zurückkehren.

Zwischen Tag und Nacht

In der Dämmerung
ein flüchtiger Bund:
Tag
und Nacht.

Stille tritt näher,
legt sich in mich,
öffnet das Hören.

Die Farben versinken.
Das Licht wird ungewiss.

Ein Rascheln nur –
und die Welt hält inne.

Jäger gehen.
Gejagte verschwinden.

Der Morgen wird zählen.

Und wieder:
Tag.
Woche.
Jahr.

Ein Schnitt im Wasser –
der Reiher.

Ein Schatten im Dickicht –
der Fuchs.

Laub spricht leise
unter kleinen Leben.

Und fern,
fast hell:
ein Laut,
der bleibt –
Leben.

Fallende Minuten

Am späten Abend

wandere ich

durch die Kälte des Tages,

der leise vergeht.

 

Die Luft ist klar,

kein Wind,

nur Stille –

und fern

ein letzter Vogel,

der sein Nachtlager sucht.

 

Es ist die Zeit,

in der die Gedanken

langsamer werden,

zur Ruhe finden,

und der Tag

noch einmal

an mir vorüberzieht.

 

Was bleibt,

halte ich fest –

für morgen,

für später.

 

Im Licht der sinkenden Sonne

glühen die Blätter

tiefer als am Tag.

Sie lösen sich,

schweben,

fallen –

 

wie Minuten

unseres Lebens:

vergangen,

unwiederbringlich.

 

Und doch –

nichts geht verloren.

 

Was vergeht,

wird zu neuem Leben,

zu neuen Gedanken,

die wachsen

im Stillen.

The Foxhunter´s Last Morning

cute roe deer standing in green natural reservation park

Es war Spätsommer, und der Herbst lag bereits in der Luft. Der alte Jäger saß in seinem mit Schaffell bezogenen Sessel und hing seinen Gedanken nach. Der Sessel stand vor der Terrassentür, und wenn ihm die Luft im Zimmer zu schwer wurde, konnte er die Tür mit seinem Gehstock aufstoßen.

An diesem Stock, den er seit etwa einem Jahr benutzte, war oben eine kleine Fahrradklingel befestigt. Mit ihr rief er einen seiner beiden Diener herbei, die inzwischen all das für ihn erledigten, was er selbst nicht mehr vermochte.

Das Gehen fiel ihm seit Jahren immer schwerer. Dieses Jahr würde das erste sein, in dem er nicht mehr zur Bockjagd hinausgehen konnte. Schon lange war er nicht mehr in der Lage gewesen, auf sein Pferd zu steigen. Die Fuchsjagden, die er einst so geliebt hatte, gehörten endgültig der Vergangenheit an.

Im ersten Jahr, als ihm klar geworden war, dass das Reiten über die Flur zu gefährlich geworden war, hatte er sich noch mit dem Pferdewagen zur Strecke fahren lassen und gemeinsam mit den anderen nach der Jagd die Strecke geblasen. Doch das Horn war längst nur noch ein Stück Blech für ihn geworden. Seine Lunge hatte ihre Kraft verloren, und der Arzt hatte ihm geraten, sich künftig zu schonen.

Der alte Jäger hatte darauf nichts erwidert.

Ein Leben ohne Jagd – das konnte er sich nicht vorstellen.

Hier im Lakeland-Distrikt mit seinen sanften Hügeln und den sattgrünen Wiesen, die – wie überall im Norden Englands – von niedrigen Steinmauern durchzogen waren, gehörte die Jagd zum Leben selbst.

Töte niemals etwas, was du nicht auch essen würdest.

Das hatte sein Vater ihm gesagt, als er noch ein kleiner Junge gewesen war. Und er hatte sich sein Leben lang daran gehalten. Das Geld, das er mit dem Verkauf von Wildbret verdiente, brauchte er nicht. Sein Vater hatte ihm ein stattliches Vermögen hinterlassen, und das Fleisch gab er ohnehin meist an die Menschen auf seinen Ländereien weiter. Die wenigen Bauern hatten genug Mühe, mit dem auszukommen, was sie hatten.

So versorgte er sie mit Hirsch, Reh und Kaninchen. Nur den Fuchs – den alten Räuber – jagte er aus reiner Lust am Jagen. Der Fuchs war schlau, und oft hatte der alte Jäger ihm tagelang allein nachgestellt. Manchmal gewann der Fuchs, manchmal der Jäger. Für ihn war entscheidend, dass das Gleichgewicht immer wieder hergestellt wurde. Die großen Treibjagden auf den Fuchs, wie sie in England seit Jahrhunderten üblich waren, widerten ihn an.

Das, was du jagst, muss auch eine Chance haben zu entkommen. Das war stets seine Devise gewesen.

Der Wind rüttelte an den Fensterläden, und obwohl es draußen noch warm war, spürte der alte Jäger, wie eine Kälte von seinen Beinen heraufkroch. Langsam erreichte sie seine Brust, und für einen Moment überkam ihn das Gefühl, als würde ihm gleich die Luft wegbleiben.

Dann lass es vorbei sein, dachte er.
Hol mich – wer immer du bist. Gott oder Teufel oder was auch immer.

Doch dieser Gefallen wurde ihm nicht getan.

Nach mehreren schweren Hustenanfällen kam er wieder etwas zu Kräften. Seine Diener – längst mehr Freunde als Bedienstete – kümmerten sich um ihn, und so ließ der Tod weiter auf sich warten. In der folgenden Nacht schlief er schlecht. Mehrfach wachte er auf, zündete die Petroleumlampe neben seinem Bett an und starrte lange zur Decke. Immer öfter hatte er das Gefühl, die Dunkelheit um sich herum nicht mehr ertragen zu können. Das Fenster stand stets offen, im Sommer wie im Winter.

Der alte Jäger lauschte hinaus in die Nacht. Seine Augen wurden schwächer, doch sein Gehör war noch immer scharf. Ein Rascheln im Laub – er wusste genau, ob ein Igel oder eine Maus unterwegs war. Selbst das schnelle Flirren der Luft, verursacht von einer Fledermaus oder einer Eule, konnte er hören und deuten.

Sie sind alle da draußen, dachte er.
Sie jagen, weil sie jagen müssen.

Wer nicht auf die Jagd ging, starb. Der Tod als Teil des Lebens – für ihn war das immer selbstverständlich gewesen.

Wenn er im Bett lag, konnte er die Uhr an der gegenüberliegenden Wand beobachten. Sie hatte ein Pendel und ein Zifferblatt mit römischen Zahlen. Unter dem runden Glas befanden sich zwei kleine Fenster, durch die man das Pendel sehen konnte.

Eine Bewegung

Eine Sekunde.

Das leise Klacken hörte er nur, wenn er sich darauf konzentrierte. Doch wenn die Uhr stehen blieb, weil die Diener vergessen hatten, sie aufzuziehen, dann fehlte ihm dieses Geräusch. Manchmal, wenn er wie in dieser Nacht nicht schlafen konnte, beobachtete er das Pendel und dachte daran, dass mit jedem Schlag sein Leben kürzer wurde.

Unaufhörlich, ohne Erbarmen, kroch die Zeit dahin.

Er blickte auf das Zifferblatt.

Drei Uhr.

Die Gedanken, die ihn in letzter Zeit immer öfter heimsuchten, kehrten zurück.

Heute, dachte er, heute ist ein guter Tag.

Er griff nach der kleinen Glocke auf seinem Nachttisch und läutete. Es dauerte einige Minuten, bis einer seiner Diener erschien.

„Sir?“

„Jack“, sagte der alte Jäger, „hol Tom. Ihr müsst mir heute einen Gefallen tun.“

Jack sah ihn kurz verwundert an, stellte jedoch keine Fragen und ging.

Wenig später standen beide Männer vor ihm.

„Ihr müsst mir heute Nacht einen Gefallen tun“, sagte der alte Jäger ruhig.

Sie kannten seine kauzige, manchmal schroffe Art. Trotzdem arbeiteten sie gern für ihn. Er hatte sie stets respektvoll behandelt, besser als viele andere Herren ihre Leute im Distrikt. „Jeder hat seine Stellung im Leben“, hatte er einmal gesagt. „Aber jeder Mensch hat ein Recht auf eine ordentliche Behandlung.“

Der alte Jäger sah die beiden Männer an.

„Was ich euch jetzt bitte zu tun, tut es einfach. Fragt nicht nach dem Warum.“ Tom und Jack standen still vor ihm.

„Ich kann kaum noch gehen“, sagte der Jäger. „In zwei Stunden geht die Sonne auf. Ich möchte, dass ihr mich in diesem Sessel zur Lichtung bringt.“ Die Diener wussten sofort, welche Lichtung er meinte. Dort hatte ihr Herr viele Jahre auf Ansitz gesessen. Manchmal kehrte er mit Hasen oder Dachsen zurück, manchmal mit einem Reh. Immer waren es alte oder schwache Tiere gewesen. Oft hatten sie sich gefragt, warum er nicht – wie andere Jäger – auf Trophäen aus war. Der alte Jäger hatte einmal gesagt, er sehe sich eher als eine Art Wolfsersatz. Ganz verstanden hatten sie das nie.

Der alte Jäger wog kaum noch etwas. Die beiden Männer nahmen ihn mitsamt dem Sessel auf und trugen ihn durch den nächtlichen Buchenwald zur Lichtung. Der Mond stand über den Bäumen, und zur Sicherheit hatten sie eine Petroleumlampe mitgenommen.

Der alte Jäger sagte kein Wort.

Doch er war hellwach.

Seine Augen suchten die Dunkelheit ab. Einmal querte eine Eule lautlos ihren Weg, und er hielt unwillkürlich den Atem an. Schließlich erreichten sie die Lichtung. Der Mond ließ den Tau auf den Gräsern silbern schimmern.

Wie ein Schleier, dachte der alte Jäger.
Wie ein Hochzeitsschleier.

Die Natur als Braut. Jeden Tag vermählt sie sich aufs Neue mit uns. Der Gedanke gefiel ihm. Der Platz, an dem sie ihn absetzten, lag etwas erhöht, sodass er die ganze Lichtung überblicken konnte.

„Sir“, sagte einer der Diener, „wir haben Ihre Büchse vergessen.“

Der alte Jäger lächelte schwach.

„Die brauche ich heute nicht.“

Dann bat er sie, näher zu kommen. Er nahm ihre Hände.

„Danke.“

Die Männer sahen sich verwundert an.

„Sir?“

„Geht jetzt“, sagte er in seinem alten herrischen Ton. „Verschwindet.“

Sie gingen.

Bald waren ihre Schritte und Stimmen im Wald verklungen. Nun war er allein. Doch er fühlte sich nicht einsam. Hier draußen war er zu Hause. Er atmete tief durch die Nase ein. Der Duft von Erde, morschem Holz und feuchtem Gras erfüllte ihn. Noch einmal alles aufnehmen. Die Sonne begann langsam hinter dem Horizont aufzusteigen. Ein goldener Streifen erschien am Himmel. Viele Menschen sahen so etwas nie in ihrem Leben.

Über ihm spannte eine alte Buche ihre Äste wie einen Baldachin. Er kannte diesen Ort seit seiner Kindheit. Einige Äste waren kahl geworden. Andere trugen noch Blätter, die im ersten Licht des Morgens leise zitterten. „Wie meine Beine“, murmelte er und lächelte. Die alte Buche hatte viele Winter überstanden. Vielleicht würden sie noch viele weitere sehen. 

„Wir haben alle unsere Zeit hier.“

Plötzlich traten drei Rehe aus dem Wald auf die Lichtung. Obwohl er diesen Anblick unzählige Male gesehen hatte, schlug sein Herz schneller. Er öffnete leicht den Mund, damit sein Atem lautlos blieb. Die Rehe ästen friedlich im Morgengrauen.

„Ihr seid gar nicht so dumm, wie manche glauben“, murmelte er.

Die ersten Vögel begannen zu singen. Die Sonne stieg höher. Er liebte diesen Übergang von Nacht zu Tag.

Wenn etwas Neues beginnt, muss zuvor etwas Altes sterben.

Ein Falke kreiste über der Lichtung.

„So mancher wird diesen Tag nicht überleben.“

Lange saß er still da.

Alles war gut.

Alles war im Jetzt.

Er spürte, wie sein Atem langsamer wurde. Die Schmerzen in seiner Brust wurden schwächer. Dann merkte er, dass seine linke Hand sich nicht mehr bewegen ließ.

Neben sich hörte er ein leises Geräusch.

Aus den Augenwinkeln sah er eines der jungen Rehe. Es stand nur wenige Meter entfernt.

Langsam kam es näher.

Der alte Jäger spürte, wie eine Kälte von seinen Füßen aufstieg. Sie kroch über seine Beine, seinen Bauch und legte sich schließlich um sein Herz.

Eine kalte Faust.

Doch er hatte keine Angst.

Er wusste, dass seine Zeit gekommen war. Das Reh trat noch näher.

Er fühlte, wie seine weiche Nase seine Hand berührte. Das Fell roch nach Gras und Morgentau.

Dann verließ ihn ganz langsam das Leben.

Ein Schwarm Vögel erhob sich plötzlich aus den Bäumen.

Das Reh erschrak und sprang davon.

Der alte Jäger saß in seinem alten, mit Schaffell bezogenen Sessel an der Lichtung.

Und hatte seinen Frieden gefunden.