Das Eichhörnchen

an easter gray squirrel on the grass

Ich fahre abends allein über die Straße. Autos gleiten vorbei wie flackernde Schatten im Scheinwerferlicht. Ich lasse die Kiste rollen, denke ans Abendessen. Der Motor summt, die Reifen knirschen. Ein kühler Wind zieht durchs das halb geöffnete Fenster.

Die Arbeit hat mich heute fertiggemacht. Die Leute verstehen nicht, was ich will. Sie basteln, bis alles kaputtgeht, und ich darf es richten. Nervt.

Dann sehe ich den kleinen Bugger.

„Plopp.“

Zu spät. Ich bin drüber. Bremse abrupt ab.

Autos hupen wie wütende Tiere. Ich zeige den Mittelfinger, brülle etwas, das meine Tochter nie hören sollte. Mist. Ich glaube, ich habe das Eichhörnchen erwischt. Was läuft es über die Straße? Der Wald daneben ist dunkel, dicht, endlos.

Keine Sau hält an. Ich spüre das kalte Lenkrad, sehe nur Schatten, ein kleines Bündel Fell – fort.

Zuhause angekommen, steht die Kleine in der Tür, die Augen groß und glänzend.

„Papi, was ist passiert?“

Ich nehme sie auf den Arm, küsse ihre Stirn.

„Was ist denn nun, Papi?“

Kinder sind die besten Detektive. Gegen sie ist ein Philipp Marlowe ein Anfänger. Ich erzähle, was passiert ist – ohne Flüche.

„Da müssen wir aber noch mal nachschauen“, sagt sie.

Ich wusste es. Sie wird ihr Kinderherz öffnen.

„Zieh dir eine Jacke an, Süße, es ist kalt.“

Entgegen ihrer üblichen Widerworte zieht sie die rote Jacke an. Ich ziehe den Reißverschluss zu, nehme sie an die Hand und wir gehen zum Auto.

„So, schön festschnallen“, sage ich.

„Wieso schön?“, fragt sie.

Ich grinse, wende das Auto, fahre vom Hof. Bremse scharf ab. Wieso ist schon wieder so ein Penner unterwegs? Ich reiße mich zusammen, nicht zu fluchen. Muss ruhiger werden.

Die Stelle, an der das Eichhörnchen lief, ist fünf Minuten entfernt. Ich parke auf einem Feldweg, Pfützen glänzen wie schwarze Spiegel. Wir steigen aus, die feuchte Kälte kriecht durch unsere Jacken. Die Taschenlampe tanzt über das Laub, wirft lange Schatten.

„Papi?“

„Ja?“

„Wenn du das Eichhörnchen jetzt totgemacht hast, kann es doch sein, dass ihre Kinder sie suchen?“

Ich bleibe stehen. Ein Kloß im Hals. Auf diese Frage war ich nicht vorbereitet.

„Eichhörnchen sind wie Menschen. Sie kümmern sich umeinander“, sage ich.

„Meinst du, der Mann oder die Frau – ich weiß ja nicht, wen du umgebracht hast – suchen nach ihr?“

Umgebracht. Mir wird schlecht.

„Komm mal her, Süße“, sage ich.

„Papi hat aufgepasst, aber ich konnte es nicht sehen.“

„Warst du wieder zu schnell?“

Wieder.

Wir gehen weiter, Blätter knirschen unter unseren Schuhen. Zwei Meter neben der Straße: das rotbraune Büschel.

„Papi, da!“

Die Kleine lässt sich auf die Knie fallen, Haare fallen über ihr Gesicht, während sie vorsichtig greift.

Fahles Mondlicht streift unsere Schultern. Der Wind raschelt durch die Buchen. Ich schalte die Taschenlampe aus. Nur das leise Rauschen des Waldes ist zu hören. Ihr Oberkörper zittert leicht, sie sagt kein Wort. Sie dreht sich zu mir um. Tränen laufen über ihr Gesicht.

„Wir müssen es begraben“, flüstert sie.

„Ja. Willst du es tragen?“

Sie nimmt das Eichhörnchen in beide Hände. Wir gehen ein paar Meter in den Buchenwald, bleiben unter einem umgestürzten Baum stehen. Sie beginnt, eine kleine Grube auszuheben. Der Duft feuchter Erde steigt mir in die Nase, mischt sich mit nassem Laub und Moos. Als die Grube fertig ist, legt sie das Eichhörnchen hinein, bedeckt es mit Erde und Blättern. Dann steht sie auf, schaut mich an und fragt:

„Papi, wo ist das Eichhörnchen jetzt?“

„Im Eichhörnchenhimmel, meine Süße.“

„Kommen wir auch in den Himmel?“

„Ich hoffe doch.“

„Dann können wir es besuchen. Da ist bestimmt eine Tür.“

„Das machen wir dann.“

Ich nehme sie an die Hand, wir gehen langsam zurück zum Auto. Der Mond ist von Wolken verdeckt, leichter Regen setzt ein. Die Blätter glitzern, Tropfen hängen an den Ästen, die Erde dampft leicht.

„Komm, lass uns nach Hause fahren. Mami wartet bestimmt schon.“

Kolumne zum Wochenende

Heimat? Was ist das?

Neulich hörte ich einen interessanten Podcast über den Begriff Heimat und seine Bedeutung in der heutigen Zeit.  Dabei wurden viele Facetten beleuchtet, die mich zum Nachdenken anregten.  Eigentlich hatte ich mir über Heimat bisher keine großen Gedanken gemacht, außer wenn mich jemand fragt, woher ich komme. Dann überlege ich kurz: Woher komme ich eigentlich? Was ist für mich Heimat?

Es ist nicht einfach zu definieren. Mit 19 Jahren bin ich von zu Hause ausgezogen und meine erste Station war Hamburg. Eine Stadt, in der ich gelernt habe, eigenverantwortlich zu leben, die ich geliebt und in der ich gerne gelebt habe, die ich aber auch ohne Zögern wieder verlassen konnte. So ging es mir auch bei späteren Umzügen.  Es war mir nie wichtig, an dem Ort zu leben, an dem ich aufgewachsen bin, oder in der unmittelbaren Umgebung. Oft wurde ich von Bekannten und Verwandten gefragt, wann oder ob ich überhaupt wieder „nach Hause“ kommen würde.  Schon früh habe ich gemerkt, dass viele in meiner Generation und wahrscheinlich auch die nachfolgenden Generationen Schwierigkeiten haben, ihre Heimat zu verlassen.

Das lässt mich fragen, ob ich, als ich fortgezogen bin, meine Heimat wirklich „verlassen“ habe.  Ist der Heimatbegriff also etwas, das uns auch physisch an die Orte bindet, in denen wir aufgewachsen sind? Viele Menschen können sich nicht vorstellen, jemals fortzuziehen. Ich konnte es immer und werde es immer können, denn für mich ist dort, wo ich wohne, immer mein Zuhause, aber nicht meine Heimat.

Heimat ist für mich dort, wo meine Wurzeln liegen, wo ich meine Sprache sprechen kann und ein Gefühl der Zugehörigkeit verspüre. Obwohl sich die Umgebung verändert hat, Menschen gekommen und gegangen sind und vieles kaum wiederzuerkennen ist, fühle ich mich bei meiner Rückkehr immer noch als Teil des Ganzen. Auch wenn viele heute nicht mehr die alte Sprache sprechen, hat mir die Heimat eine Identität gegeben, die ich immer in mir tragen werde.

Wenn ich an meine Heimat denke, sehe ich sie mit den Augen der Zeit, als ich noch dort lebte. Ich erinnere mich an die Felder, die mir als Kind unendlich groß vorkamen, an Menschen, die langsam auf schmalen und schlecht ausgebauten Straßen Fahrrad fuhren, und an Traktoren, die mit Anhängern das Heu nach Hause brachten, um es im Heuschober zu lagern. Ich erinnere mich an Pferdefuhrwerke, das Schnauben der Pferde, ihr glänzendes Fell und ihre weichen Nüstern. Ich war so klein, dass ich mühelos unter einem Pferd hindurchlaufen konnte, was ich auch tat, ohne dass jemand Angst hatte, das mir etwas zustoßen könnte. Ich erinnere mich an die Stille auf den Äckern und Weiden, bevor es Traktoren gab, und an die Feldlerchen, die hoch oben in der Luft ihr Lied sangen. Die Luft flirrte vor Hitze und wir suchten Schatten. Als Kinder gruben wir unsere Hände in den Acker, um die kühle Erde zu fühlen – die kühle, schwarze Erde der Heimat, deren Duft ich heute noch riechen kann.

Ich kann den Geruch des Stalls noch immer einatmen, in dem die Kühe im Winter Schutz suchten. Ich rieche das Heu, das mein Vater sorgfältig auseinanderbrach, um es den Tieren zu füttern. Die friedliche, unschuldige Stille des Stalls umhüllte mich. Zu allem Überfluss lief die Katze immer dazwischen, doch ihr passierte nichts. Es war, als ob alle auf dem Bauernhof aufeinander aufpassen würden.

Der Bauernhof ist meine Heimat im Kleinen. Hier war das Zentrum unseres Lebens. Hier versammelten sich drei Generationen abends am Tisch. Doch all das ist nicht mehr. Niemand von ihnen lebt noch. Jetzt bin nur ich noch da. Auch der Bauernhof ist nicht mehr.  Doch man kann noch Spuren der Vergangenheit erkennen. Wenn ich am Deich entlangfahre, anhalte und zum Hof – der umfangreich umgebaut wurde – hinüberschaue, verwandelt sich das Bild. Ich sehe meinen Vater wieder bei den Kühen auf der Weide, immer mit einem Lausbubenlächeln, trotz der unendlich harten Arbeit. Ich sehe meine Mutter aus dem Stall kommen, in eine übergroße Jacke gehüllt, ihr Haar mit einem Tuch bedeckt. Neben dem Haus sehe ich einen großen Mann, der sich mit über 80 Jahren auf sein Fahrrad schwingt und noch Besuche bei Menschen macht, die viel jünger sind als er. Er sagte immer, dass er noch Ältere besuchen müsse. Das war mein Großvater.

Doch dann verschwimmt das Bild und langsam sehe ich die Gegenwart wieder. Ich weiß, dass alles gut ist. Dass meine Vergangenheit einmal Gegenwart war und mein Vater an seine Vergangenheit gedacht hat. Aber das ist eine andere Geschichte. All das und noch unendlich viel mehr ist meine Heimat. Sie wird es immer bleiben.