vom Bleiben des Meeres

Was denkst du, wenn du an das Meer denkst?

Ich weiß es nicht.

Aber ich kann dir sagen, woran ich denke.

Es ist früh am Morgen.

Noch bevor ich das Meer sehe, nehme ich es wahr:

Ich schmecke das Salz auf meinen Lippen, rieche die Luft, die vom Wasser ins Landesinnere zieht. Sie ist kühl, klar und trägt etwas in sich, das älter ist als jeder Gedanke.

Erst später höre ich das Meer.

Ein fernes, gleichmäßiges Rauschen.

Manchmal glaube ich, es ruft nach mir.

Dann gehe ich durch die Dünen.

Sie sind hoch, lang gezogen, vom Wind geformt. Der Sand gibt unter meinen Schritten nach, und mit jedem Schritt öffnet sich der Horizont ein wenig mehr –

bis es plötzlich vor mir liegt.

Das Meer.

Die Sonne steht noch tief.

Ihr erstes Licht fällt flach über das Wasser und lässt die Wellen aufleuchten. An diesem Oktobermorgen sind sie hoch. Der Wind treibt sie an den Strand, lässt sie brechen, lässt sie auslaufen, weit, immer weiter.

Der Schaum bleibt zurück.

Er legt sich über den Sand wie eine dünne Schneeschicht.

Manchmal hebt ihn der Wind wieder an und trägt ihn ein Stück weit in die Dünen hinein, als wären es Flocken, die sich verirrt haben.

Ich beuge mich hinab, nehme eine Handvoll davon.

Er ist leicht, fast nichts – und doch spüre ich sofort das Salz auf meiner Haut, als ich ihn über mein Gesicht und meinen Hals streiche.

Für einen Moment halte ich inne.

Bin ich jetzt Teil davon?

Oder war ich es immer schon?

Die Sonne steigt höher.

Das Licht wird klarer, der Tag beginnt.

Ich wende mich ab und gehe zurück in die Dünen.

Ich drehe mich nicht um.

Man verabschiedet sich nicht vom Meer.

Denn das Meer bleibt.

Nicht nur dort draußen –

sondern auch in mir.

Am Rand der Dünen ist es inzwischen hell geworden. Der Wind hat nachgelassen, alles wirkt ruhiger.

Und doch höre ich sie noch, die Wellen.

Leise.

Beständig.

Und ich weiß:

Ich werde zurückkehren.

Zwischen Tag und Nacht

In der Dämmerung
ein flüchtiger Bund:
Tag
und Nacht.

Stille tritt näher,
legt sich in mich,
öffnet das Hören.

Die Farben versinken.
Das Licht wird ungewiss.

Ein Rascheln nur –
und die Welt hält inne.

Jäger gehen.
Gejagte verschwinden.

Der Morgen wird zählen.

Und wieder:
Tag.
Woche.
Jahr.

Ein Schnitt im Wasser –
der Reiher.

Ein Schatten im Dickicht –
der Fuchs.

Laub spricht leise
unter kleinen Leben.

Und fern,
fast hell:
ein Laut,
der bleibt –
Leben.