Er ging, ohne sich zu verabschieden.
Die Stimmen blieben hinter ihm zurück, das Lachen, das Klirren von Gläsern – alles verlor sich, noch bevor er die Straße erreichte. Es war eine dieser Feiern, die Menschen veranstalten, nur weil sie älter geworden sind. Er hatte nie verstanden, warum man das feiert. Mit jedem Jahr, dachte er, rückt der Tod näher.
Leise. Unaufhaltsam. Warum also diese Annäherung feiern?
Geboren zu werden war keine Leistung. Das hatten andere entschieden. Seine Eltern. Vielleicht war selbst das nur ein Zufall gewesen, ein Versehen. Und ein Versehen – was gäbe es daran zu feiern?
Er pfiff leise. Chester kam sofort.
Die Halsung, eine feine Lederarbeit einer Freundin, lag ruhig um seinen Hals. Kein Widerstand, kein Zögern. Das leise Klicken des Karabiners klang wie ein kleines Versprechen.
Dann gingen sie.
Der Weg führte hinaus aus dem Ort, hinein in die offene Nacht. Der Mond stand hoch, bereits im Abnehmen, und legte ein blasses Licht über die Felder. Rechts das Maisfeld, dicht und hoch. Links die dunkle Buchenhecke. Ein schmaler Gang durch Schatten. Für einen Moment stellte er sich vor, ein Zug käme ihnen entgegen. Er würde ihn nicht sehen, bis es zu spät wäre.
Über ihnen flatterten Fledermäuse. In der Ferne rief eine Eule.
„Jetzt jagen sie“, sagte er leise. „Sie finden ihre Beute – und die Beute weiß es.“
Er hatte keine Angst. Es gab nichts, was ihm Angst machen konnte.
Hinter der Straße wurde es weiter. Offener. Die abgeernteten Felder lagen still, und die Eichen standen darin wie stumme Wächter. Hoch, unbeweglich, als hätten sie alles schon gesehen. Chester blieb stehen, schnupperte, ging weiter, blieb wieder stehen. Er lebte in einer Welt, die ihm verschlossen blieb.
Du hast es gut, dachte er.
Kein Gestern. Kein Morgen. Nur jetzt. Und doch – du hast etwas, das uns fehlt. Du vertraust. Du gehst einfach mit. Immer.
Der Nebel kam langsam. Er kroch über die Felder, legte sich in die Senken, wurde dichter. Das Licht des Mondes verlor seine Schärfe, wurde weich, beinahe milchig. Die Luft roch nach feuchter Erde, nach Gras, nach Verfall.
Als sie die Pferde hörten, blieben sie stehen. Zuerst nur ein Schnauben. Dann das leise, dumpfe Trommeln von Hufen. Die Körper tauchten aus dem Nebel auf, groß und ruhig, als gehörten sie nicht ganz in diese Welt.
Chester erstarrte.
Still. Wach.
Die Pferde kamen näher. Schritt für Schritt, bis sie an der Umzäunung standen.
Er hob die Hand. Eine Fuchsstute trat vor, senkte den Kopf und legte ihre warmen Nüstern in seine Hand. Er bewegte sich nicht.
Für einen Moment war alles still.
Nicht nur ruhig – still. Als hätte die Welt selbst aufgehört, sich zu drehen.
Dann bellte Chester.
Ein kurzer Laut – und alles zerbrach.
Die Pferde stoben auseinander, verschwanden im Nebel. Hufe, Atem, Bewegung – dann nur noch Klang, dann nichts mehr. Der Nebel nahm sie auf. Als wären sie nie da gewesen.
Er blieb stehen.
Atmete ein.
Aus.
Dann griff er nach der Leine. Sie gingen weiter.
Der Weg war kaum noch zu erkennen. Alles war Grau geworden, weich, grenzenlos. Erst weit vorne erschienen Lichter. Warm. Still. Menschlich.
Dort saßen sie. Vor ihren Bildschirmen. Und wussten nichts.
Noch ein paar Schritte.
Dann war die Nacht wieder vorbei.
