Kolumne zum Wochenende

close up shot of books


Die Abkehr von Kindle, Tolino und Co.

Was mich dazu bringt, darüber zu schreiben, kann ich gar nicht so genau sagen. Vielleicht sind es die kleinen Dinge, die sich nicht aufdrängen und doch bleiben. Vor ein paar Tagen nahm ich meinen Kindle vom Schreibtisch. Ich wollte nur kurz nachsehen, was ich darauf gespeichert habe. Ob da vielleicht noch Bücher sind, die ich längst gekauft, aber nie gelesen habe. So eine stille Neugier, mehr nicht.

Die Batterie war leer. Nicht ein wenig – ganz. Das Gerät blieb stumm. Ich suchte ein Kabel, fand schließlich eines, schloss es an und legte den Reader zurück auf den Tisch. Morgen, dachte ich. Doch dieses Morgen kam nicht. Und während das Gerät dort lag und langsam wieder zu sich kam, wurde mir etwas anderes klar: Elektronische Bücher haben ihren Platz, auch in meinem Leben. Aber sie bleiben merkwürdig leicht. Fast zu leicht.

Im Urlaub zum Beispiel. Man nimmt sich vor zu lesen. Endlich einmal. Vielleicht dieses eine Buch, das schon so lange wartet. Doch dann steht man vor der Entscheidung, welches man mitnimmt. Es wiegt, nimmt Platz ein, liegt später vielleicht doch nur im Hotelzimmer. Der Reader dagegen wirkt wie die bessere Lösung: leicht, unauffällig, gefüllt mit einer ganzen Bibliothek. Eine kleine Welt in der Hand.

Und doch ist da dieser Moment. Man liegt am Strand, denkt: Jetzt lese ich. Aber das Buch ist nicht geladen. Oder gar nicht erst heruntergeladen. Kein WLAN, kein Zugriff. Das Smartphone liegt im Safe, aus guten Gründen. Versprochen ist versprochen. Und plötzlich ist da nichts als Leere. Vielleicht auch dieser leise Gedanke: Ein Buch würde jetzt reichen.

Natürlich hätte man daran denken können. Vorher. In Ruhe. Aber man hat es nicht.

Ich weiß nicht, wie viele Bücher Sie besitzen. Aber ich stelle mir vor, dass irgendwo in Ihrem Zuhause ein Regal steht. Still, verlässlich, ohne jede Eile. Darin reihen sich Bücher aneinander, jedes für sich, und doch alle verbunden durch die Zeit, die sie tragen. Es gibt diesen Moment, in dem man eines herausnimmt, es aufschlägt, ohne ein bestimmtes Ziel. Man blättert. Bleibt hängen. Und merkt, wie etwas in Bewegung kommt.

Ich glaube, Bücher haben eine Seele. Sie tragen mehr als nur Worte. Sie tragen Zeit. Meine Zeit. Die Zeit, in der ich sie gekauft habe. Oder geschenkt bekam. Sie bewahren etwas von dem, was war, und geben es zurück, wenn ich sie wieder öffne. Es ist, als läge zwischen den Seiten nicht nur Text, sondern Erinnerung.

Bücher altern. Wie wir. Sie werden weicher, vielleicht auch brüchiger. Nicht mehr makellos. Aber gerade darin liegt ihr Wert. Sie verändern sich, ohne zu verschwinden.

Eines meiner Bücher ist David Copperfield von Charles Dickens. Wenn ich es aus dem Regal nehme, bin ich wieder an einem See meiner Jugend. Sommer. Wasser. Zeit, die sich anders anfühlte. Ich blättere langsam, fast vorsichtig, und plötzlich ist er wieder da, dieser Duft von Papier, von Sonne, von etwas Vergangenem, das nicht ganz vergangen ist.

Manchmal stehen Bücher eines Autors nebeneinander, Band für Band, Jahr für Jahr. Dann sieht man es förmlich vor sich: ein Leben, geordnet, sichtbar geworden. Und zugleich erzählt jedes Regal auch etwas über den, dem es gehört. Es zeigt, was ihn interessiert, was ihn begleitet hat. Und manchmal bleibt jemand davor stehen, schaut, erkennt etwas wieder. Vielleicht ein Buch, das er selbst gelesen hat. Und dann beginnt ein Gespräch. Ganz ohne Vorbereitung. Einfach so.

Versuchen Sie das einmal mit einem Reader. Der irgendwo in einer Schublade liegt. Still. Dunkel. Wartend.

Ich wünsche Ihnen eine gute Lesewoche.

Kolumne zum Wochenende

Heimat? Was ist das?

Neulich hörte ich einen interessanten Podcast über den Begriff Heimat und seine Bedeutung in der heutigen Zeit.  Dabei wurden viele Facetten beleuchtet, die mich zum Nachdenken anregten.  Eigentlich hatte ich mir über Heimat bisher keine großen Gedanken gemacht, außer wenn mich jemand fragt, woher ich komme. Dann überlege ich kurz: Woher komme ich eigentlich? Was ist für mich Heimat?

Es ist nicht einfach zu definieren. Mit 19 Jahren bin ich von zu Hause ausgezogen und meine erste Station war Hamburg. Eine Stadt, in der ich gelernt habe, eigenverantwortlich zu leben, die ich geliebt und in der ich gerne gelebt habe, die ich aber auch ohne Zögern wieder verlassen konnte. So ging es mir auch bei späteren Umzügen.  Es war mir nie wichtig, an dem Ort zu leben, an dem ich aufgewachsen bin, oder in der unmittelbaren Umgebung. Oft wurde ich von Bekannten und Verwandten gefragt, wann oder ob ich überhaupt wieder „nach Hause“ kommen würde.  Schon früh habe ich gemerkt, dass viele in meiner Generation und wahrscheinlich auch die nachfolgenden Generationen Schwierigkeiten haben, ihre Heimat zu verlassen.

Das lässt mich fragen, ob ich, als ich fortgezogen bin, meine Heimat wirklich „verlassen“ habe.  Ist der Heimatbegriff also etwas, das uns auch physisch an die Orte bindet, in denen wir aufgewachsen sind? Viele Menschen können sich nicht vorstellen, jemals fortzuziehen. Ich konnte es immer und werde es immer können, denn für mich ist dort, wo ich wohne, immer mein Zuhause, aber nicht meine Heimat.

Heimat ist für mich dort, wo meine Wurzeln liegen, wo ich meine Sprache sprechen kann und ein Gefühl der Zugehörigkeit verspüre. Obwohl sich die Umgebung verändert hat, Menschen gekommen und gegangen sind und vieles kaum wiederzuerkennen ist, fühle ich mich bei meiner Rückkehr immer noch als Teil des Ganzen. Auch wenn viele heute nicht mehr die alte Sprache sprechen, hat mir die Heimat eine Identität gegeben, die ich immer in mir tragen werde.

Wenn ich an meine Heimat denke, sehe ich sie mit den Augen der Zeit, als ich noch dort lebte. Ich erinnere mich an die Felder, die mir als Kind unendlich groß vorkamen, an Menschen, die langsam auf schmalen und schlecht ausgebauten Straßen Fahrrad fuhren, und an Traktoren, die mit Anhängern das Heu nach Hause brachten, um es im Heuschober zu lagern. Ich erinnere mich an Pferdefuhrwerke, das Schnauben der Pferde, ihr glänzendes Fell und ihre weichen Nüstern. Ich war so klein, dass ich mühelos unter einem Pferd hindurchlaufen konnte, was ich auch tat, ohne dass jemand Angst hatte, das mir etwas zustoßen könnte. Ich erinnere mich an die Stille auf den Äckern und Weiden, bevor es Traktoren gab, und an die Feldlerchen, die hoch oben in der Luft ihr Lied sangen. Die Luft flirrte vor Hitze und wir suchten Schatten. Als Kinder gruben wir unsere Hände in den Acker, um die kühle Erde zu fühlen – die kühle, schwarze Erde der Heimat, deren Duft ich heute noch riechen kann.

Ich kann den Geruch des Stalls noch immer einatmen, in dem die Kühe im Winter Schutz suchten. Ich rieche das Heu, das mein Vater sorgfältig auseinanderbrach, um es den Tieren zu füttern. Die friedliche, unschuldige Stille des Stalls umhüllte mich. Zu allem Überfluss lief die Katze immer dazwischen, doch ihr passierte nichts. Es war, als ob alle auf dem Bauernhof aufeinander aufpassen würden.

Der Bauernhof ist meine Heimat im Kleinen. Hier war das Zentrum unseres Lebens. Hier versammelten sich drei Generationen abends am Tisch. Doch all das ist nicht mehr. Niemand von ihnen lebt noch. Jetzt bin nur ich noch da. Auch der Bauernhof ist nicht mehr.  Doch man kann noch Spuren der Vergangenheit erkennen. Wenn ich am Deich entlangfahre, anhalte und zum Hof – der umfangreich umgebaut wurde – hinüberschaue, verwandelt sich das Bild. Ich sehe meinen Vater wieder bei den Kühen auf der Weide, immer mit einem Lausbubenlächeln, trotz der unendlich harten Arbeit. Ich sehe meine Mutter aus dem Stall kommen, in eine übergroße Jacke gehüllt, ihr Haar mit einem Tuch bedeckt. Neben dem Haus sehe ich einen großen Mann, der sich mit über 80 Jahren auf sein Fahrrad schwingt und noch Besuche bei Menschen macht, die viel jünger sind als er. Er sagte immer, dass er noch Ältere besuchen müsse. Das war mein Großvater.

Doch dann verschwimmt das Bild und langsam sehe ich die Gegenwart wieder. Ich weiß, dass alles gut ist. Dass meine Vergangenheit einmal Gegenwart war und mein Vater an seine Vergangenheit gedacht hat. Aber das ist eine andere Geschichte. All das und noch unendlich viel mehr ist meine Heimat. Sie wird es immer bleiben.

Kolumne zum Wochenende

close up photo of a letter

Post

Wenn wir heute den Briefkasten öffnen, finden wir Werbung und Briefe vom Finanzamt oder den Energieversorgern. Die sind zwar nicht gerade mit Sonnenschein und Blumen geschmückt, aber sie erinnern uns daran, dass wir uns um unsere Finanzen kümmern sollten.  Natürlich ist das völlig normal, aber manchmal fragt man sich, ob nicht auch mal ein freundlicher Gruß dabei sein könnte, wie zum Beispiel: „Das Finanzamt wünscht Ihnen Gesundheit, damit Sie noch lange fit und munter bleiben und uns weiterhin unterstützen können.“  Nun ja, das ist wohl etwas zu viel verlangt, da unsere Finanzpartner ihr Geld ja sowieso bekommen.  Letztendlich ist es wichtig, seine Verpflichtungen zu erfüllen, und so haben wir uns seit dem frühen Mittelalter auch nicht wirklich weiterentwickelt. Nur die Methoden sind heute ausgeklügelter und diffiziler geworden.

Ach, der Briefkasten – ein Ort voller Erinnerungen und Überraschungen! Wann haben Sie denn zuletzt einen persönlichen Brief bekommen? Nicht so einen von den üblichen Absendern, sondern einen echten, handgeschriebenen Brief. Für die Jüngeren unter uns: Stellt euch vor, ihr schreibt eine WhatsApp-Nachricht, druckt sie aus und steckt sie dann in einen Umschlag. Diesen bringt ihr dann zur Post, die ihn für eine kleine Gebühr zum Empfänger bringt. Das dauert meist ein paar Tage, und montags gibt es ohnehin keine Post mehr – außer von denjenigen, von denen ich ja schon erzählt habe.

Sobald der Brief abgeschickt ist, gibt es kein Zurück mehr. Man könnte natürlich nochmal anrufen oder hoffen, dass er sich verirrt, aber meistens kommt er genau dann an, wenn man ihn am wenigsten braucht – zum Beispiel, wenn man sich im Ton etwas vergriffen hat.  Daher ist es wichtig, gut zu überlegen, was man schreibt. Ich empfehle, einen handgeschriebenen Brief zunächst am Computer vorzuformulieren. Warum? Nun, das verrate ich euch gleich!

Ach, die guten alten Zeiten, als man noch mit einem edlen Parker-Füller auf handgeschöpftem Papier schrieb!  Man war stolz auf sein Werk, bis zum letzten Wort. Und dann, oh Schreck, der Füller kleckste, die Tinte lief aus – und schon war die Freude dahin.  Wer kennt das nicht?

Natürlich, heute ist es viel einfacher, am Computer zu schreiben.  Man kann schnell korrigieren und muss sich nicht so viele Gedanken um die Handschrift machen.  Und E-Mails sind natürlich viel schneller und günstiger als Briefe.  Aber mal ehrlich: Sticht so eine E-Mail wirklich aus dem ganzen Mail-Wust heraus?  Oft landen sie direkt im Papierkorb und sind dann weg – für immer.

Die digitale Welt hat natürlich auch ihre Vorteile.  Morgens aufwachen und gleich sehen, wer einem noch geschrieben hat, während man geschlafen hat.  Und um den anderen nicht zu enttäuschen, schickt man schnell eine Antwort.  Wir sind es gewohnt, bei jedem Piepsen oder Klingeln sofort nachzuschauen, wer geschrieben hat.  Aber ist das wirklich gut für uns?  Vielleicht sollten wir uns manchmal Zeit nehmen, einen Brief zu schreiben und die Freude am Schreiben wiederentdecken.

Ach, analoge Briefe!  Erinnern Sie sich noch an das aufregende Warten auf den Postboten, der in seinem VW Käfer schon von Weitem zu sehen war?  Mit seiner Uniform und Mütze strahlte er Seriosität und Verlässlichkeit aus.  Und dann endlich, nach Tagen der Sehnsucht, war der ersehnte Brief da!  Man nahm sich Zeit, ihn nicht einfach am Briefkasten aufzureißen, sondern setzte sich in Ruhe an den Schreibtisch.  Mit einem Brieföffner – er musste ja nicht unbedingt aus Sterling-Silber sein, aber es hatte schon etwas Respektvolles – öffnete man den Brief vorsichtig.  Bevor man jedoch hineinschnupperte, betrachtete man den Brief als solches: die Schrift, den Umschlag.  Vieles verriet die Stimmung des Absenders, die auf der Rückseite stand.  Einen Brief von der Liebsten zu bekommen, das war ein Gefühl, das viele junge Menschen heute nicht mehr kennen.  Den Brief aus dem sorgfältig geöffneten Umschlag zu nehmen und mit schnell schlagendem Herzen und zitternden Fingern auseinanderzufalten – einfach herrlich!  An dem Papier zu schnuppern, in der Hoffnung, den Duft der Liebsten aufzunehmen.  Jedes Wort wirkte wie Poesie.  Man hörte förmlich die Stimme des Absenders.  Immer und immer wieder las man den Brief.  Und immer wieder entdeckte man neue Facetten.

Trauen Sie sich doch mal wieder, einen handgeschriebenen Brief zu schreiben!  Es muss ja kein Liebesbrief sein.  Die Freude, eine Antwort schriftlich zu bekommen, ist – gerade in dieser WhatsApp-geprägten Zeit – unbezahlbar.  Ein Brief zeigt die Verbundenheit von Menschen, die sich mögen.

Seien Sie mutig!

Aber bleiben Sie bitte auch digital. Sonst hätten Sie diesen Text ja nicht lesen können.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche!

Kolumne zum Wochenende

Die neue Selbstverständlichkeit der Angst

Sonntag. Die Luft steht. Die Bäume rühren sich nicht. Man könnte meinen, sie hätten gelernt, dass es sicherer ist, nicht aufzufallen. Bloß kein Geräusch. Bloß kein Anlass.

Ein merkwürdiges Bild – und doch beschreibt es ziemlich genau das Lebensgefühl vieler Frauen in diesem Land.

Wer heute durch bestimmte Viertel deutscher Städte geht, weiß: Freiheit ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Junge Frauen passen ihre Kleidung an. Sie wägen Blicke ab. Sie kalkulieren Wege. Nicht aus Eitelkeit, sondern aus Vorsicht. Nicht, weil sie es wollen, sondern weil sie es müssen.

Und wir tun so, als sei das normal.

Wir reden von „kultureller Vielfalt“, während sich parallel eine Kultur der Einschüchterung etabliert. Eine Haltung, die Frauen nicht als selbstbestimmte Individuen sieht, sondern als zu beaufsichtigende Wesen. Eine Moralvorstellung, die nicht überzeugen will, sondern dominieren.

Natürlich darf jeder seine Religion leben. Das ist nicht verhandelbar. Aber Religion endet dort, wo sie anderen ihre Freiheit nimmt. Wo sie ihnen vorschreibt, wie sie sich zu kleiden, zu lieben oder zu verhalten haben. Wo sie mit moralischer Überheblichkeit auftritt und Kritik sofort als Feindseligkeit brandmarkt.

Es ist kein Geheimnis, dass Teile des politischen Islam mit Demokratie, Gleichberechtigung und Religionsfreiheit auf Kriegsfuß stehen. Wer das ausspricht, gilt inzwischen schnell als „rechts“. Als intolerant. Als rückständig. Das eigentliche Problem wird damit nicht gelöst – es wird tabuisiert.

Meinungsfreiheit bröckelt nicht mit einem großen Knall. Sie erodiert leise. Durch soziale Ächtung. Durch moralischen Druck. Durch das ständige Signal: Bestimmte Fragen stellt man besser nicht.

Gleichzeitig verändern sich unsere Städte sichtbar. Wer offen religiöse Symbole trägt – Kreuz, Davidstern oder Kippa –, überlegt inzwischen zweimal, in welchem Viertel er sich bewegt. Das ist kein rechtes Narrativ, sondern Alltagserfahrung vieler Menschen.

Und nein, das hat nichts mit „Vielfalt“ zu tun. Vielfalt entsteht organisch, über Zeit, durch gegenseitige Akzeptanz. Was wir derzeit erleben, ist oft keine Integration, sondern Parallelität. Keine Bereicherung, sondern Abgrenzung.

Zehn Jahre haben gereicht, um aus falsch verstandener Toleranz eine einseitige Rücksichtnahme zu machen. Um Regeln zu relativieren, die wir uns selbst jahrzehntelang auferlegt haben. Um Kritik reflexhaft zu delegitimieren.

Ein liberales Land zeichnet sich nicht dadurch aus, dass es alles hinnimmt. Sondern dadurch, dass es seine Grundwerte verteidigt. Gleichberechtigung. Rechtsstaatlichkeit. Meinungsfreiheit. Religionsfreiheit – für alle, nicht nur für die Lautesten.

Wenn Frauen wieder lernen, sich unsichtbar zu machen, dann ist das kein Zeichen von Sensibilität. Es ist ein Alarmsignal.

Und vielleicht sollten wir endlich aufhören, so zu tun, als hörten wir es nicht.

Kolumne zum Wochenende

Kinderwagen

Wenn ich so aus dem Fenster schaue, dann sehe ich viele Menschen die sich draußen im Grünen aufhalten. Kinder die dort spielen, Jugendliche die sich treffen zum Reden oder Skateboardfahren. (Hoffentlich nicht um Drogen zu verticken) Was ich auch sehe, dass sind Eltern, bzw. überwiegend junge Mütter, die ihr Kind, im Kinderwagen sitzend, spazieren gehen.

Nun wissen wir alle, dass sich zwischen den Kindern und den Eltern in den ersten Monaten und Jahren ein festes Band entwickelt. Aber ich frage mich doch, wie das überhaupt gehen soll, wenn nämlich genannte Mütter und auch Väter, während sie den Kinderwagen vor sich herschieben, in ihr Smartphone schauen. Ist es so, dass diese Elternteile zu Hause, also wenn sie mit ihrem Nachwuchs zu Hause sind, so gar keine Zeit haben den Freuden des Internets zu widmen, oder ist es so, dass der Konsum des Internets sich nahtlos beim Spazierengehen fortsetzt?

Eine besondere Situation habe ich erst vor einigen Tagen erlebt. Die Mutter schaute unentwegt, und das meine ich auch so, nämlich über mehr als 100 m ständig auf ihr Smartphone. Das Kind wedelte mit den Armen und gab auch Laute von sich, die ich sogar hier oben im Büro hören konnte. Reaktion der Mutter: keine. Nun mag es daran liegen, dass sie das Smartphone so laut gestellt hatte, dass sie ihr Kind gar nicht hören konnte, oder aber, und das nehme ich eher an: Es war ihr schlicht egal. Was lernen diese Kinder? Sehr schnell genau das, was die Wirklichkeit ist, nämlich: Hat Mama das Smartphone in der Hand, bin ich abgeschrieben, somit oft, sehr oft. 

Vielleicht mögen sie, liebe Leser das für überzogen halten, aber Eltern sollten doch wohl mit ihren Kindern in Kontakt treten wenn diese das wollen, oder? Ansonsten werden diese Kinder schnell lernen, dass Mutter oder Vater nicht ihre wichtigsten Personen sein können, da sie ja meist mit anderen Dingen beschäftigt sind. 

Gute Nacht

Kolumne zum Wochenende

group of people joining hands

Wohin driften wir?

Driften ist ne feine Sache, so lange man es unter Kontrolle behält. Sonst kann es schnell unangenehm werden und es wird ein Schaden ungeahnten Ausmaßes.

Oft sagt man, Deutschland driftet. Viele meinen, es driftet nach links. Dann gibt es Stimmen, die sagen Deutschland driftet in eine ausländerfeindliche Gesellschaft nach rechts ab. Zudem noch die Meinung Deutschland driftet wieder in eine judenfeindliche Gesellschaft ab.

Wie dem auch sei, aber politisch und gesellschaftlich sollte dieses Land nirgendwohin driften. Es ist Aufgabe der Politik, gefährliche Entwicklungen aufzuhalten, solange es noch möglich ist. Demokratie soll ja vieles aushalten müssen, das ist sicherlich richtig. Unliebsame Meinungen, ja, auch solche, die richtig weh tun, bei denen man schlucken muss, müssen wir aushalten. Der Wert einer Demokratie misst sich danach, wie sie mit Andersdenkenden umgeht.

Die Büchse der Pandora

Jahrzehntelang glaubten wir, dieses Deutschland sei gefestigt in Moral und Vernunft. Die Erfahrungen des Nationalsozialismus hätten die Deutschen wach und wachsam gemacht. Wir glaubten, die Gesellschaft wäre ein Bollwerk gegen jeden Radikalität. Weit gefehlt. Die Corona Zeit hat es uns vor Augen geführt. Die Politik bekam Lust (und leider eben auch Gelegenheit) über die Freiheit der Menschen zu bestimmen. Alles um im Namen der vermeintlichen Todesseuche Corona, Herr zu werden. Ich will, und kann hier nicht die Corona Zeit aufarbeiten, dennoch sollten wir uns erinnern. Erinnern an die Gängelei, die Bevormundung, an die moralisch erhobenen Zeigefinger. An das Menekel das an der Wand der Gesellschaft sichtbar wurde. Würden wir nicht der Wissenschaft folgen, (folgen, wieder so ein Unwort) dann würden die Liebsten von uns, die alten und die ganz jungen Menschen, sterben wie die Eintagsfliegen im Hochsommer. Ich habe immer noch das Bild vor Augen wie im Hamburger Jenisch-Park die Polizei mit einem Einsatzwagen, Jagd auf feiernde Jugendliche machte, die von ihrem Grundrecht der Versammlungsfreiheit Gebrauch machten. Ebenso die ersten Bilder aus Bergamo in Italien, die einen Treck von Militär LKW zeigten, die im Dunkeln durch die Stadt fuhren, um Hunderte von Corona Toten aus der Stadt zu bringen. Vergleichbar mit Gemälden, die den Abtransport von Pest-Toten im Mittelalter zeigen, die auf Eselskarren gestapelt aus der Stadt gefahren wurden, um der Seuche Herr zu werden.

Lust an der ungezügelten Macht

Die Politik merkte schnell, wie einfach und leicht sich Grenzen verschieben ließen. Folgsam fügte sich eine Mehrheit der Gesellschaft, den alltäglichen Mahnungen und Horrorszenarien, die vor allem der Gesundheitsminister und einige wohl mit hellseherischen Fähigkeiten versehenden Virologen verbreiteten. Sogar Podcast mit diesen angstmachenden Prognosen gab es und unendlich viele hörten sie gebannt und schalteten dabei ihr eigenes Gehirn aus. Wenn es schon so viel „Experten“ sagten, dann müsse es ja wohl auch so sein. Die Massnahmen, die die Grundrechte einschränkte wurden übrigens ohne Legitimation des Bundestages beschlossen.

Der größte Lump im ganzen Land ……..

Langsam schlich sich das Gift der Denunziation ein. Feiernde wurden bei der Polizei gemeldet. Menschen die „zu spät“ im Auto erwischt wurden, bekamen saftige Bußgelder aufgebrummt. Die Städte und Ortschaften glichen Totenstädte. Man traute sich abends kaum noch raus und Menschen mit Hunden fragten tatsächlich beim Ordnungsamt an, ob sie denn den Hund abends noch ausführen durften. Das alles ging ganz schnell. Von einer geordneten Gesellschaft glitt alles in eine totalitär regierte anmutende Gesellschaft, die mit Angst und Repression in Schach gehalten wurde. Die Folgen daraus sind noch nicht abschätzbar. Doch viele sagen sich: Das passiert mir nicht wieder. Ich bin da skeptisch.

Die moralische Keule tötet die Demokratie

Doch es gibt noch etwas, dass sich im Unguten bewegt: Die fehlende Akzeptanz der Andersdenkenden. Wer Dinge benennt, die nicht in den Kanon des linksgrünen Moralwächter passt, der wird schnell mit der Nazi Keule bedroht. Wer das Offensichtliche, wie zum Beispiel, dass Einwanderer aus muslimisch geprägten Staaten überproportional an Gewalttaten beteiligt sind, benennt, der wir zum Ausländerfeind erklärt. Nicht Fakten, sondern das moralisch nicht Akzeptierte ist das Problem. Eine frische Debattenkultur, das wünsche ich mir zurück. Ja, zurück, denn die hatten wir mal. Alles hat sich mittlerweile verschoben. Da wird wegen jeder Äußerung Übel genommen. Sofort ist man gekränkt und Politiker in den höchsten Ämtern fühlen sich beleidigt. Strafanzeigen gegen Bürger sind heute an der Tagesordnung. Das ganze gipfelt dann in einer Hausdurchsuchung. Wer eine Ministerpräsidentin als „Märchenerzählerin tituliert, der bezahlt ein saftiges Bußgeld mit Androhung von Erzwingungshaft.

Majestätsbeleidigung in einer Demokratie

Es sind Worte, es sind Demonstrationen, die das Volk hat, um gegen Regierende zu demonstrieren. Wir sind sicher weit weg von einer Diktatur, doch gibt es Züge in der Politik, die eindeutig diktatorisch sind. Die Verächtlichmachung der Politiker gehörte schon immer zum Wesen einer demokratischen Gesellschaft. Politiker der SPD fordern tatsächlich, dass die Verächtlichmachung von Politikern unter Strafe gestellt wird. Die Arbeitsministerin Bärbel Bas, wurde auf einer Versammlung von Arbeitgebern ausgelacht, weil sie offensichtlichen Unsinn erzählt hat. Statt das allerdings zuzugeben, erklärte sie nachfolgend, dass die wahren Feinde der Politik, die Unternehmer seien.

Das schleichende Gift

Wie schon erwähnt, muss die Politik, müssen die Regierenden, sich darum kümmern, dass jeder in diesem Land sicher ist. Sicher vor gewalttätigen Extremisten, die darauf aus sind unsere Gesellschaft zu Fall zu bringen. Die, die mit Verachtung auf unsere freie Gesellschaft schauen und mit einer unerträglichen Überheblichkeit auftreten. Heute ist es wieder so weit, dass Tausende durch die ehemalige Reichshauptstadt ziehen und ungeniert den Tod aller Juden fordern. Das Gift des Antisemitismus war nie weg. Die Freude es den Juden „heimzuzahlen“ ist tatsächlich in der Gesellschaft wieder „en Vogue“. Kritik an der Situation in Nahost wird gern genutzt um pauschaliert die Juden für alles verantwortlich zu machen. Ganz offen geschieht das sogar in Teilen von demokratisch gewählten Abgeordneten der Kommunen und sogar des Bundestages. Politikerdarteller aus Linkspartei posieren ganz ungeniert mit Hamas-Freunden auf Demonstrationen. Es besteht die ernstzunehmende Möglichkeit, dass jemand mit dieser antisemitischen DNA, im Jahr 2026 Bürgermeister von Berlin wird und alle finden das ganz normal.

Die Angst vor der Vergangenheit die uns einholt

Man muss nicht dieser Leier kommen, dass jüdisches Leben in Deutschland selbstverständlich sein sollte. Was sollte es denn sonst sein? Wie kann es sein, dass vor Synagogen Polizeiwachen stehen? Wie kann es sein, dass mich eine Verkäuferin in der Bäckerei, in der ich meine Brötchen Sonntags kaufe, mich sichtlich nicht bedient, weil ich einen Davidstern offen trage? Ihr verächtlicher Blick war schmerzhaft. Wie kann es sein, dass in einem Laden in Flensburg jemand ungeniert ein Schild platziert, auf dem steht, dass Juden hier nicht erwünscht sind? All das wird mit zur Schau gestellter Betroffenheit kommentiert und dann kommt wieder dieses unsägliche „Nie wieder“.

Ich habe aber immer noch Hoffnung, das die politischen Verantwortlichen und die Gesellschaft insgesamt erkennen, wo die wahren Feinde unserer Gesellschaft sind.

Jann-Bernd Webermann

25.12.2025