Kolumne zum Wochenende

Futuristic robot connected to a glowing human brain with electric neural energy

KI tötet die Phantasie. Nicht irgendwann in der Zukunft. Jetzt.

Man kann es überall beobachten. Menschen, die nie geschrieben haben, halten sich plötzlich für Autoren. Ein paar hingeworfene Begriffe reichen inzwischen aus, um sich innerhalb von Sekunden einen „eigenen“ Text erzeugen zu lassen. Traurig soll er sein. Poetisch vielleicht. Düster. Nachdenklich. Noch schnell die gewünschte Länge dazuschreiben — fertig. Der Rest wird delegiert.

Und genau darin liegt der Betrug.

Denn KI schreibt nicht. Sie berechnet. Sie empfindet nichts, erinnert nichts, riskiert nichts. Sie kennt keine schlaflosen Nächte, keine Scham über misslungene Sätze, keine Angst vor dem leeren Blatt. Sie tastet sich nicht durch Gedanken. Sie sucht nach Wahrscheinlichkeiten. Nach Mustern. Nach bereits Gesagtem. Sie setzt Sprache zusammen wie ein Glücksspielautomat, der gelernt hat, welche Wörter Menschen für bedeutungsvoll halten.

Das Ergebnis klingt oft erstaunlich ordentlich. Gerade deshalb ist es so gefährlich.

Denn Mittelmaß war noch nie so leicht herzustellen wie heute. Glatte Sätze. Saubere Übergänge. Ein bisschen Melancholie. Ein paar starke Bilder. Fertig ist der Text, den Tausende andere in ähnlicher Form ebenfalls erzeugen könnten. Literatur aus der Konserve. Sprachliches Fast Food. Die Ergebnisse überfluten die Buchläden. Seichte Texte, ohne Tiefgang. 

Und trotzdem feiern viele diese Entwicklung begeistert. Vielleicht, weil sie endlich etwas umgehen können, das zum Schreiben immer dazugehört hat: die eigene Unzulänglichkeit.

Schreiben war nie bequem. Wer ernsthaft geschrieben hat, kennt das Scheitern. Man sitzt morgens am Schreibtisch und bringt keinen einzigen brauchbaren Satz zustande. Man verwirft Seiten. Man zweifelt an sich selbst. Genau dort beginnt überhaupt erst Stil. Nicht in der Perfektion, sondern im Ringen um eine eigene Sprache.

KI vernichtet dieses Ringen.

Sie nimmt jedem Satz den Widerstand. Jeder Gedanke wird sofort geglättet, geordnet und in eine Form gebracht, die möglichst angenehm lesbar ist. Texte sollen heute nicht mehr verstören, stolpern oder anecken. Sie sollen konsumierbar sein. Schnell. Flüssig. Gefällig.

Ich habe vor einigen Tagen einen älteren Text von mir von einer KI redigieren lassen. Das Ergebnis war technisch betrachtet nicht einmal schlecht. Die Grammatik sauberer. Die Übergänge runder. Manche Formulierungen eleganter.

Und doch war der Text danach tot.

Alles Eigentümliche war verschwunden. Jede kleine Unebenheit. Jede Rauheit. Jede Stelle, an der ein Mensch sichtbar wurde. Die KI hatte aus einem schmalen Weg mit Schlaglöchern eine asphaltierte Bundesstraße gemacht. Schnell befahrbar. Vollkommen seelenlos.

Das eigentlich Erschreckende ist aber etwas anderes: Viele merken den Verlust nicht einmal mehr.

Sie verwechseln sprachliche Glätte mit Qualität. Sie glauben, ein Text sei gut, wenn er sich widerstandslos lesen lässt. Dabei war Kunst nie dazu gedacht, reibungslos zu funktionieren. Große Literatur trägt immer auch etwas Sperriges in sich. Einen Tonfall. Eine Eigenart. Einen Fehler vielleicht sogar. 

KI löscht genau diese Fehler aus. Und mit ihnen verschwindet das Menschliche. KI lernt jede Stunde dazu. Wann sind wir nicht mehr in der Lage herauszufinden, ob die Maschine oder das Gehirn eines Menschen den text geschrieben hat. KI lernt noch vom Menschen, doch KI lernt bereits von KI. KI erschafft heute schon neue KI.

Natürlich wird man einwenden, KI sei doch nur ein Werkzeug. Das ist der Satz, den jede technische Revolution begleitet. Doch Werkzeuge verändern den Menschen, der sie benutzt. Wer sich daran gewöhnt, jeden Gedanken sofort ausformulieren zu lassen, verliert irgendwann die Fähigkeit, überhaupt noch selbst nach Sprache zu suchen. Warum mühsam ringen, wenn innerhalb von fünf Sekunden ein brauchbares Ergebnis erscheint?

Genau dort beginnt die geistige Verarmung.

Denn Phantasie entsteht nicht aus Bequemlichkeit. Sie entsteht aus Leere. Aus Langeweile. Aus Stille. Aus dem verzweifelten Versuch, etwas in Worte zu fassen, das sich zunächst nicht greifen lässt. Wer diesen Prozess dauerhaft an Maschinen auslagert, trainiert sich das eigene Denken langsam ab.

Vielleicht wird es bald Millionen perfekt formulierter Texte geben. Texte ohne Fehler. Ohne Brüche. Ohne jedes Risiko.

Und vielleicht wird man gerade deshalb irgendwann lernen, sich wieder nach einem einzigen unvollkommenen Satz zu sehnen, hinter dem noch ein wirklicher Mensch erkennbar ist.

Wenn ich morgens am Schreibtisch sitze und mir nichts einfällt, dann halte ich diese Leere aus. Ich klappe das MacBook zu. Ich lese, gehe spazieren. Ich warte.

Denn ein schlechter eigener Satz ist mir tausendmal lieber als ein perfekter fremder.

Das Licht im Stall

Er stand vor dem Deich und schaute auf das Anwesen. Den Stall konnte er noch erkennen. Sie hatten ein neues Tor eingebaut, doch das Dach wirkte inzwischen alt. Dort, wo früher das Gulfhaus gestanden hatte, erhob sich nun ein großes Wohnhaus mit Gauben. Im Baustil erinnerte es noch an jene Häuser, die einst überall auf dem Fehn gestanden hatten. Damals.

Die Fehnstelle, die zum Haus gehörte, war etwa drei Hektar groß. Kaum vorstellbar, dass sein Urururgroßvater auf diesem Stück Land eine Familie hatte ernähren können. Schon in seiner Kindheit war die Landwirtschaft weiter entwickelt gewesen. Hatten seine Vorfahren noch fünf oder sechs Kühe gehalten, standen bei seinem Vater bereits dreißig Milchkühe im Stall.

Von den alten Stallungen war nichts geblieben. Den Stall, der heute alt wirkte, hatten sie erst in den siebziger Jahren errichtet. Die Tore hatte er damals selbst gebaut und montiert. Vor dem Haus weideten die Kühe. Nachts, wenn er bei offenem Fenster schlief, konnte er sie hören: Husten, dumpfes Scharren, das ruhige Wiederkäuen. Sonst nichts. Kein Verkehr. Kein fernes Rauschen. Auch kein Licht war zu sehen, wenn er nachts aus dem Fenster blickte. Straßenlaternen gab es nicht. Nur Dunkelheit, Sterne und manchmal der Vollmond, der alles in ein unwirkliches Licht tauchte.

Oft saß er im Sommer nachts am Fenster, wenn ihn seine Alpträume nicht schlafen ließen. Dann beobachtete er die Kühe. Danach konnte er meist ohne Alpträume weiterschlafen. Im Herbst und Winter sah er manchmal weit entfernt Licht im Stall des Nachbarn. Dann wusste er, dass ein Kalb geboren wurde. Auf den Höfen war das mehr als nur ein Ereignis gewesen. Jedes Kalb sicherte die Existenz. Der Verlust eines Kalbes war schmerzhaft. Er liebte die Kälber. Liebte den warmen Geruch des Stalls, den schweren Atem der Kühe, die Wärme ihrer Körper im Winter.

Der Gedanke verflog, als sich aus der Ferne ein Traktor näherte. Er trat zur Seite. Der Fahrer hob kurz die Hand zum Gruß, so wie man es hier immer getan hatte. Früher waren die Menschen stärker aufeinander angewiesen gewesen. Die Freundlichkeit war geblieben.

Westlich ihres Hofes lebte der Nachbar mit seiner Frau von Verpachtungen und der Kriegsrente. Wie viele Männer dort hatte auch er den Krieg erlebt. Sein eigener Vater war noch mit sechzehn Jahren eingezogen worden.

Zwischen den Höfen lag eine verlassene Fehnstelle. Ein schmaler Weg führte hindurch. Sah der Nachbar nachts Licht im Stall, machte er sich oft auf den Weg herüber, auch wenn meist keine Hilfe gebraucht wurde. Es gehörte sich einfach so. Wenn ein Kalb geboren worden war und Kuh und Kalb versorgt waren, saßen sie später in der Wohnküche zusammen und tranken Tee. Ganz gleich, wie spät es geworden war.

Als er an diesem Morgen durch das Dorf gefahren war, hatte er vieles kaum wiedererkannt. Alte Häuser waren verschwunden oder modernisiert worden. Dort, wo früher Weiden gelegen hatten, standen nun dicht gedrängt neue Häuser. Manche lehnten sich noch an den Stil der alten Fehnhäuser an, doch die alte Welt war daraus verschwunden.

Kein Kind musste dort im Winter unter mehreren Decken schlafen. Niemand bekam mehr einen heißen Ziegelstein aus dem Ofen ins Bett gelegt.

Am meisten erschreckte ihn der Kanal. Seit Jahren war der Schlick nicht mehr ausgebaggert worden. Das Wasser stand dunkel und schwer zwischen den Ufern. Früher war der Kanal Lebensader gewesen — Entwässerung, Transportweg, Verbindung zur Welt draußen. Nun wirkte er, als würde er langsam verschwinden. Ob die Menschen es gar nicht bemerkten?

Die, die heute hier leben, sind oft Zugezogene. Sie kennen das Land nicht mehr so, wie es einmal gewesen war. Nicht die Männer und Frauen, die mit Spaten und Karren das Moor urbar gemacht hatten. Nicht die Torfhütten. Nicht die Winterkälte, die früher durch jede Ritze kroch.

Die Heimat seiner Kindheit war fort.

Er erinnerte sich, wie sie damals dreißig Kühe durch das Dorf getrieben hatten. Drei Menschen reichten dafür aus. Die wenigen Autos warteten geduldig, bis die Herde vorüber war. Sein Großvater ging mit Schaufel und Eimer hinterher.

Seine Gedanken schweiften weiter zu einem alten Haus in der Nachbarschaft. Zwei Brüder hatten dort ihr Leben verbracht, eher gehaust als gewohnt. Reinhard und Johann. Schrullige Männer, die an Hexen und kleine Teufel glaubten und überall Zeichen sahen. Hinter ihrem Haus gab es einen großen Haufen mit runden Steinen, er durfte nicht bewegt werden.

Als sein Vater jung gewesen war, hatte er oft bei ihnen gesessen und ihren Geschichten zugehört. Er selbst hatte nur noch Johann gekannt. Der andere Bruder war bereits vor seiner Geburt gestorben.

Heute erinnerte nichts mehr an den alten Hof.

Er ging zu seinem Auto, holte die Thermoskanne, das in Papier eingeschlagene Butterbrot und eine Decke. Oben auf dem Deich breitete er sie aus, schenkte sich Tee ein und setzte sich so hin, dass er über die Fehnstellen blicken konnte.

Die Sonne stand in seinem Rücken. Ein leichter Wind trieb die wenigen Wolken über den Himmel. Er trank den Tee langsam, in kleinen Schlucken, möglichst heiß. Die Wärme tat ihm gut. Mit dem Geschmack von Schwarzbrot, Butter und Schinken kamen die Erinnerungen zurück. Ein leichtes Stechen zog durch seine Brust.

Unwiederbringlich.

Fliegen umschwirrten das Butterbrot. Er packte alles wieder in seine alte Tasche und zog den Reißverschluss zu, legte sich auf die Decke und blickte in den fast wolkenlosen Himmel. Hoch oben zogen Flugzeuge ihre weißen Streifen durch das Blau. Würde er mit denen da oben tauschen wollen? Der Wind wehte warm und er fühlte sich geborgen. Im Gras zirpten und summten die Insekten. Er roch die dunkle Erde seiner Heimat.

Bald fielen ihm die Augen zu.

Er träumte von seiner Kindheit. Davon, wie er mit seiner Schwester ein selbstgebautes Boot aus alten Ölfässern zum Kanal geschleppt hatte. Davon, wie sie ihn später auf dem Rücken nach Hause getragen hatte. Dann erschien Liesel vor ihm. Die rabenschwarze Stute seines Vaters mit der schmalen Blesse. Stark, ruhig und gutmütig. Er sah sich wieder mit seinen Eltern auf dem Pferdewagen zu einem abgeernteten Feld fahren. Sie hatten kalten Tee und Butterbrote eingepackt, denn der Tag würde lang werden. Jeder Halm Heu wurde damals aufgeharkt. Nichts durfte verloren gehen.

Die Tasche mit den Butterbroten hatte seine Mutter unter den Wagen gestellt, damit sie im Schatten blieb. Das Pferd war lang angebunden worden, damit es sich bewegen konnte. Wie immer, wenn er mit im Feld war, streunte er durch die Gegend, um Brombeeren zu sammeln. Als er Stunden später zurückkehrte, war kein einziges Butterbrot mehr übrig.

Das Pferd hatte sich losgerissen und alles gefressen. Nur den Tee hatte es stehen lassen. So blieben ihnen nur das Körbchen mit Brombeeren. Mit knurrenden Mägen machten sie sich später auf den langen Heimweg. Damals hatte er darüber lachen müssen.

Er wachte auf. Er musste lange geschlafen haben, denn die Sonne stand jetzt viel tiefer. Er nahm die Decke zusammen, packte die Tasche und ging zum Auto. Dann fuhr er den Kanal entlang, ließ das Fenster herunter. Nochmal frische Luft hineinlassen. Am Ende der Straße schaute er etwas länger  in den Spiegel, blieb kurz stehen. 

Dann bog er nach rechts ab.