Kolumne zum Wochenende

Heimat? Was ist das?

Neulich hörte ich einen interessanten Podcast über den Begriff Heimat und seine Bedeutung in der heutigen Zeit.  Dabei wurden viele Facetten beleuchtet, die mich zum Nachdenken anregten.  Eigentlich hatte ich mir über Heimat bisher keine großen Gedanken gemacht, außer wenn mich jemand fragt, woher ich komme. Dann überlege ich kurz: Woher komme ich eigentlich? Was ist für mich Heimat?

Es ist nicht einfach zu definieren. Mit 19 Jahren bin ich von zu Hause ausgezogen und meine erste Station war Hamburg. Eine Stadt, in der ich gelernt habe, eigenverantwortlich zu leben, die ich geliebt und in der ich gerne gelebt habe, die ich aber auch ohne Zögern wieder verlassen konnte. So ging es mir auch bei späteren Umzügen.  Es war mir nie wichtig, an dem Ort zu leben, an dem ich aufgewachsen bin, oder in der unmittelbaren Umgebung. Oft wurde ich von Bekannten und Verwandten gefragt, wann oder ob ich überhaupt wieder „nach Hause“ kommen würde.  Schon früh habe ich gemerkt, dass viele in meiner Generation und wahrscheinlich auch die nachfolgenden Generationen Schwierigkeiten haben, ihre Heimat zu verlassen.

Das lässt mich fragen, ob ich, als ich fortgezogen bin, meine Heimat wirklich „verlassen“ habe.  Ist der Heimatbegriff also etwas, das uns auch physisch an die Orte bindet, in denen wir aufgewachsen sind? Viele Menschen können sich nicht vorstellen, jemals fortzuziehen. Ich konnte es immer und werde es immer können, denn für mich ist dort, wo ich wohne, immer mein Zuhause, aber nicht meine Heimat.

Heimat ist für mich dort, wo meine Wurzeln liegen, wo ich meine Sprache sprechen kann und ein Gefühl der Zugehörigkeit verspüre. Obwohl sich die Umgebung verändert hat, Menschen gekommen und gegangen sind und vieles kaum wiederzuerkennen ist, fühle ich mich bei meiner Rückkehr immer noch als Teil des Ganzen. Auch wenn viele heute nicht mehr die alte Sprache sprechen, hat mir die Heimat eine Identität gegeben, die ich immer in mir tragen werde.

Wenn ich an meine Heimat denke, sehe ich sie mit den Augen der Zeit, als ich noch dort lebte. Ich erinnere mich an die Felder, die mir als Kind unendlich groß vorkamen, an Menschen, die langsam auf schmalen und schlecht ausgebauten Straßen Fahrrad fuhren, und an Traktoren, die mit Anhängern das Heu nach Hause brachten, um es im Heuschober zu lagern. Ich erinnere mich an Pferdefuhrwerke, das Schnauben der Pferde, ihr glänzendes Fell und ihre weichen Nüstern. Ich war so klein, dass ich mühelos unter einem Pferd hindurchlaufen konnte, was ich auch tat, ohne dass jemand Angst hatte, das mir etwas zustoßen könnte. Ich erinnere mich an die Stille auf den Äckern und Weiden, bevor es Traktoren gab, und an die Feldlerchen, die hoch oben in der Luft ihr Lied sangen. Die Luft flirrte vor Hitze und wir suchten Schatten. Als Kinder gruben wir unsere Hände in den Acker, um die kühle Erde zu fühlen – die kühle, schwarze Erde der Heimat, deren Duft ich heute noch riechen kann.

Ich kann den Geruch des Stalls noch immer einatmen, in dem die Kühe im Winter Schutz suchten. Ich rieche das Heu, das mein Vater sorgfältig auseinanderbrach, um es den Tieren zu füttern. Die friedliche, unschuldige Stille des Stalls umhüllte mich. Zu allem Überfluss lief die Katze immer dazwischen, doch ihr passierte nichts. Es war, als ob alle auf dem Bauernhof aufeinander aufpassen würden.

Der Bauernhof ist meine Heimat im Kleinen. Hier war das Zentrum unseres Lebens. Hier versammelten sich drei Generationen abends am Tisch. Doch all das ist nicht mehr. Niemand von ihnen lebt noch. Jetzt bin nur ich noch da. Auch der Bauernhof ist nicht mehr.  Doch man kann noch Spuren der Vergangenheit erkennen. Wenn ich am Deich entlangfahre, anhalte und zum Hof – der umfangreich umgebaut wurde – hinüberschaue, verwandelt sich das Bild. Ich sehe meinen Vater wieder bei den Kühen auf der Weide, immer mit einem Lausbubenlächeln, trotz der unendlich harten Arbeit. Ich sehe meine Mutter aus dem Stall kommen, in eine übergroße Jacke gehüllt, ihr Haar mit einem Tuch bedeckt. Neben dem Haus sehe ich einen großen Mann, der sich mit über 80 Jahren auf sein Fahrrad schwingt und noch Besuche bei Menschen macht, die viel jünger sind als er. Er sagte immer, dass er noch Ältere besuchen müsse. Das war mein Großvater.

Doch dann verschwimmt das Bild und langsam sehe ich die Gegenwart wieder. Ich weiß, dass alles gut ist. Dass meine Vergangenheit einmal Gegenwart war und mein Vater an seine Vergangenheit gedacht hat. Aber das ist eine andere Geschichte. All das und noch unendlich viel mehr ist meine Heimat. Sie wird es immer bleiben.

Kolumne zum Wochenende

close up photo of a letter

Post

Wenn wir heute den Briefkasten öffnen, finden wir Werbung und Briefe vom Finanzamt oder den Energieversorgern. Die sind zwar nicht gerade mit Sonnenschein und Blumen geschmückt, aber sie erinnern uns daran, dass wir uns um unsere Finanzen kümmern sollten.  Natürlich ist das völlig normal, aber manchmal fragt man sich, ob nicht auch mal ein freundlicher Gruß dabei sein könnte, wie zum Beispiel: „Das Finanzamt wünscht Ihnen Gesundheit, damit Sie noch lange fit und munter bleiben und uns weiterhin unterstützen können.“  Nun ja, das ist wohl etwas zu viel verlangt, da unsere Finanzpartner ihr Geld ja sowieso bekommen.  Letztendlich ist es wichtig, seine Verpflichtungen zu erfüllen, und so haben wir uns seit dem frühen Mittelalter auch nicht wirklich weiterentwickelt. Nur die Methoden sind heute ausgeklügelter und diffiziler geworden.

Ach, der Briefkasten – ein Ort voller Erinnerungen und Überraschungen! Wann haben Sie denn zuletzt einen persönlichen Brief bekommen? Nicht so einen von den üblichen Absendern, sondern einen echten, handgeschriebenen Brief. Für die Jüngeren unter uns: Stellt euch vor, ihr schreibt eine WhatsApp-Nachricht, druckt sie aus und steckt sie dann in einen Umschlag. Diesen bringt ihr dann zur Post, die ihn für eine kleine Gebühr zum Empfänger bringt. Das dauert meist ein paar Tage, und montags gibt es ohnehin keine Post mehr – außer von denjenigen, von denen ich ja schon erzählt habe.

Sobald der Brief abgeschickt ist, gibt es kein Zurück mehr. Man könnte natürlich nochmal anrufen oder hoffen, dass er sich verirrt, aber meistens kommt er genau dann an, wenn man ihn am wenigsten braucht – zum Beispiel, wenn man sich im Ton etwas vergriffen hat.  Daher ist es wichtig, gut zu überlegen, was man schreibt. Ich empfehle, einen handgeschriebenen Brief zunächst am Computer vorzuformulieren. Warum? Nun, das verrate ich euch gleich!

Ach, die guten alten Zeiten, als man noch mit einem edlen Parker-Füller auf handgeschöpftem Papier schrieb!  Man war stolz auf sein Werk, bis zum letzten Wort. Und dann, oh Schreck, der Füller kleckste, die Tinte lief aus – und schon war die Freude dahin.  Wer kennt das nicht?

Natürlich, heute ist es viel einfacher, am Computer zu schreiben.  Man kann schnell korrigieren und muss sich nicht so viele Gedanken um die Handschrift machen.  Und E-Mails sind natürlich viel schneller und günstiger als Briefe.  Aber mal ehrlich: Sticht so eine E-Mail wirklich aus dem ganzen Mail-Wust heraus?  Oft landen sie direkt im Papierkorb und sind dann weg – für immer.

Die digitale Welt hat natürlich auch ihre Vorteile.  Morgens aufwachen und gleich sehen, wer einem noch geschrieben hat, während man geschlafen hat.  Und um den anderen nicht zu enttäuschen, schickt man schnell eine Antwort.  Wir sind es gewohnt, bei jedem Piepsen oder Klingeln sofort nachzuschauen, wer geschrieben hat.  Aber ist das wirklich gut für uns?  Vielleicht sollten wir uns manchmal Zeit nehmen, einen Brief zu schreiben und die Freude am Schreiben wiederentdecken.

Ach, analoge Briefe!  Erinnern Sie sich noch an das aufregende Warten auf den Postboten, der in seinem VW Käfer schon von Weitem zu sehen war?  Mit seiner Uniform und Mütze strahlte er Seriosität und Verlässlichkeit aus.  Und dann endlich, nach Tagen der Sehnsucht, war der ersehnte Brief da!  Man nahm sich Zeit, ihn nicht einfach am Briefkasten aufzureißen, sondern setzte sich in Ruhe an den Schreibtisch.  Mit einem Brieföffner – er musste ja nicht unbedingt aus Sterling-Silber sein, aber es hatte schon etwas Respektvolles – öffnete man den Brief vorsichtig.  Bevor man jedoch hineinschnupperte, betrachtete man den Brief als solches: die Schrift, den Umschlag.  Vieles verriet die Stimmung des Absenders, die auf der Rückseite stand.  Einen Brief von der Liebsten zu bekommen, das war ein Gefühl, das viele junge Menschen heute nicht mehr kennen.  Den Brief aus dem sorgfältig geöffneten Umschlag zu nehmen und mit schnell schlagendem Herzen und zitternden Fingern auseinanderzufalten – einfach herrlich!  An dem Papier zu schnuppern, in der Hoffnung, den Duft der Liebsten aufzunehmen.  Jedes Wort wirkte wie Poesie.  Man hörte förmlich die Stimme des Absenders.  Immer und immer wieder las man den Brief.  Und immer wieder entdeckte man neue Facetten.

Trauen Sie sich doch mal wieder, einen handgeschriebenen Brief zu schreiben!  Es muss ja kein Liebesbrief sein.  Die Freude, eine Antwort schriftlich zu bekommen, ist – gerade in dieser WhatsApp-geprägten Zeit – unbezahlbar.  Ein Brief zeigt die Verbundenheit von Menschen, die sich mögen.

Seien Sie mutig!

Aber bleiben Sie bitte auch digital. Sonst hätten Sie diesen Text ja nicht lesen können.

Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche!