Das Taxi hielt direkt vor dem Friedhofstor. Ich blieb stehen. Mein Hund zog kurz an der Leine, dann wartete er.
Eine Frau stieg aus.
Groß, aufrecht, ein helles Kleid, das sich kaum bewegte. Der Strohhut war breit genug, um ihr Gesicht im Schatten zu halten. Der Fahrer hob einen Trolley aus dem Kofferraum. Sie nickte nur, nahm den Griff und ging los.
Langsam. Sicher. Ohne zu zögern.
Ich weiß nicht, warum ich ihr folgte. Vielleicht, weil sie nicht hierher zu passen schien. Oder weil sie wirkte, als käme sie nicht oft. Am Eingang zögerte sie nicht, kein suchender Blick, kein Innehalten. Sie kannte den Weg. Zwischen den Gräbern verlor ich sie beinahe aus den Augen, dann sah ich sie wieder. Sie blieb stehen, stellte den Trolley ab.
Ein Grab.
Ich setzte mich auf eine Bank, etwas abseits. Mein Hund legte sich neben mich. Ich hielt das Telefon in der Hand, ohne es zu benutzen. Die Frau öffnete den Trolley. Handschuhe. Hell, beinahe rosa. Sie zog sie langsam über, strich die Finger glatt, als müsse alles genau sitzen.
Dann begann sie zu arbeiten.
Eine kleine Schaufel, eine Harke. Bewegungen, die nichts Suchendes hatten. Sie wusste, wo sie ansetzen musste. Entfernte Verblühtes, lockerte die Erde, strich sie glatt.
Sie arbeitete lange. Ohne Pause. Ohne sich umzusehen. Ohne Eile. Ich versuchte mir vorzustellen, wer hier lag. Ein Mann, dachte ich zuerst. Vielleicht ihr Mann. Später dachte ich an ein Kind. Dann wieder nicht. Nichts an ihr wirkte gebrochen. Eher gesammelt. Als hätte sie etwas geordnet, das sich nicht mehr ändern ließ.
Nach einer Weile stand ich auf. Mein Hund folgte mir. Ich ging einen Bogen, nicht zu nah.
Als ich noch einmal stehen blieb, hob sie den Kopf.
Ihr Gesicht lag nun im Licht.
Alt, ja. Aber klar. Wach. Die Haut fein, fast durchscheinend. Weißes Haar unter dem Hut.
Und ihre Augen.
Blau.
Für einen Moment sah sie mich an, ohne Frage, ohne Abwehr. Eher, als hätte sie längst bemerkt, dass ich da war. Dann senkte sie den Blick wieder. Ich ging weiter. Am Ausgang stand das Taxi. Der gleiche Wagen, der gleiche Fahrer. Er öffnete den Kofferraum, nahm den Trolley entgegen, stellte ihn hinein. Hielt ihr die Tür auf.
Sie stieg ein, ohne den Hut abzunehmen.
Ich blieb noch stehen, bis das Taxi verschwunden war. Dann ging ich nach Hause.
Ich habe lange nicht mehr an sie gedacht. Bis ich vor einigen Tagen wieder an dem Grab vorbeikam. Der Stein war überarbeitet worden.
Zwei Namen.
Paul – gestorben 1945.
Elisabeth – gestorben 2017.
Beide am selben Tag geboren. Ich blieb stehen. Die Erde war uneben, das Beet überwuchert. Es hatte sich wohl seit einiger Zeit niemand darum gekümmert. Ich ging nach Hause.
Am nächsten Tag nahm ich eine kleine Schaufel und eine Harke mit auf den Friedhof.
Ich sah mich um. Niemand in der Nähe. Mein Hund setzte sich neben das Grab und sah mir zu.
Ich begann zu arbeiten.