Flüssig gewordene Sehnsucht

fizzing sea wave

Die Brandung.

Immer wieder
wirft sie die Wellen an den Strand,
als gäbe es kein anderes Ziel,
als müssten sie etwas erreichen,
das sie nie halten können.

Es ist, als rufe dich das Meer.
Nicht laut.
Eher ein Ziehen,
tief unter der Haut.

Eine Sehnsucht,
flüssig geworden.

Du bleibst stehen.
Ziehst Schuhe und Strümpfe aus,
lässt sie achtlos zurück.

Der Sand trägt dich.
Hell, fast unwirklich,
durchzogen von Muschelschalen,
zerbrechlich wie das,
was in dir nachklingt.

Du gehst weiter.
Schritt für Schritt.

Bis das Wasser dich erreicht.

Kalt.
Zärtlich.
Unaufhaltsam.

Es umspült deine Füße,
zieht sich zurück,
kommt wieder —
als würde es dich prüfen,
oder erinnern.

Und für einen Moment
hörst du auf, dich zu wehren.

Da ist keine Grenze mehr.
Nicht zwischen dir und dem Meer.
Nicht zwischen dir und dem,
was dich ruft.

Nur dieses leise Wissen:

Du bist nicht getrennt.

Du warst es nie.

Die zweite Tasse

ceramic cups and saucers on glass table

Heute Morgen, am Friedhof, kam mir ein alter Mann auf einem Fahrrad entgegen.

Er trug einen in Zeitungspapier gewickelten Blumenstrauß bei sich. Der alte Mann öffnete das Tor zum Friedhof und schob das Fahrrad hindurch. In meinen Gedanken stelle ich mir vor, dass seine verstorbene Frau heute Geburtstag hat und er ihr die Blumen ans Grab bringt.

Er wird dann wieder nach Hause fahren, das gerahmte Bild seiner Frau auf den Küchentisch stellen – an die Stelle, an der sie immer gesessen hat. Dann schneidet er ein Stück Zitronenkuchen auf und legt auch ihr ein Stück auf den Teller.

Er holt die Porzellankanne aus dem Schrank und füllt den frischen Kaffee hinein. Er gießt sich und seiner Frau Kaffee ein. Dann setzt er sich auf den Stuhl.

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“, sagt er mit leiser Stimme.

Eine Träne tropft dabei in seinen Kaffee.