Du bist da

Wie gerne hätte ich dich noch hier. Wie gerne würde ich nochmal mit dir über das Leben philosophieren, wie wir es sooft getan haben. Wie gerne nochmal in deine blassblauen Augen schauen, die so viel gesehen haben. Wie gerne, einfach neben dir zu sitzen und zu wissen: Du bist da.

Als du gegangen bist, war mein Leben ohnehin im Umbruch. Du warst einfach nicht mehr da, obwohl ich dir noch so viel zu sagen hatte. Du hast gesagt, es sei alles gut. Das gab mir Ruhe und auch Unruhe. War es wirklich so? War es denn auch für mich gut?

Dann der Moment, in dem nichts mehr so ist, wie es war. Alles ist plötzlich anders. Nichts bleibt von dem, was einmal war. Kein verschmitztes Lächeln. Keine warme Hand, die hält. Keine Augen, die mich ansehen konnten, wie sonst niemand. Von der schweren Arbeit gezeichnete Hände, die sich nie gegen mich erhoben haben. Eine Stimme, die nie laut oder bestimmend wurde.

Im Nachhinein denke ich, dass das Leben dich zweimal betrogen hat. Viel zu früh der Kindheit entrissen, in einen mörderischen Krieg hineingeworfen. Du hast es überlebt, aber hast du es je überwunden? Und dann, als all die Arbeit in deinem Leben getan war, da hättest du ruhen können, stolz auf das sein, was du erreicht hast, da war die Zeit wiederum zu kurz.

Die teuflischste aller Krankheiten hat dich schließlich besiegt. Diesen Kampf konntest du nicht mehr gewinnen. Du bist nicht mehr da – und doch jeden Tag bei mir.

Geburtstag

close up shot of hands of an analog clock

Als du geboren wurdest, war das Unfassbare längst geschehen.
Die Welt, in die du kamst, war keine für Kinder.

Dein Weg zur Schule führte nicht durch Unbeschwertheit,
sondern durch Wachsamkeit.
Wenn die Luft laut wurde,
sprangt ihr in den Graben,
hieltet den Atem an,
als könnte Stille euch retten.

Auf dem Hof, neben der Scheune,
stand diese Maschine,
groß und fremd,
gegen den Himmel gerichtet –
als ließe sich die Angst vertreiben.

Der Vater war weit weg.
Verloren auf Feldern,
auf denen nichts wuchs
als die Furcht,
die Heimat nie wiederzusehen.
Gefangen in einem System,
das Menschen brach,
lange bevor es sie gehen ließ.

Und du –
du hast gelernt zu überleben,
früher, als ein Kind es je sollte.
Doch etwas in dir
ist ganz geblieben.

Aus dem, was man dir genommen hat,
ist in dir etwas gewachsen:
Hoffnung.
Leise,
aber unbeirrbar.

Als der Vater zurückkam,
war er ein Fremder.
Und doch hast du gesehen,
was aus ihm geworden war.
Vielleicht auch,
was aus euch allen geworden war.

Dein Leben war kein leichtes.
Es war ein Geben.
Ein Dasein.
Ein stilles Tragen.

Alles, was dir gefehlt hat,
hast du uns geschenkt:
Liebe.
Geborgenheit.
Sicherheit.

Und mehr noch –
eine Art, Mensch zu sein,
die bleibt.

Heute wärst du 90 Jahre alt geworden.
Und ich merke,
wie sehr du fehlst.

Nicht nur heute.
An jedem einzelnen Tag.

1945

a statue on a cemetery

Das Taxi hielt direkt vor dem Friedhofstor. Ich blieb stehen. Mein Hund zog kurz an der Leine, dann wartete er.

Eine Frau stieg aus.

Groß, aufrecht, ein helles Kleid, das sich kaum bewegte. Der Strohhut war breit genug, um ihr Gesicht im Schatten zu halten. Der Fahrer hob einen Trolley aus dem Kofferraum. Sie nickte nur, nahm den Griff und ging los.

Langsam. Sicher. Ohne zu zögern.

Ich weiß nicht, warum ich ihr folgte. Vielleicht, weil sie nicht hierher zu passen schien. Oder weil sie wirkte, als käme sie nicht oft. Am Eingang zögerte sie nicht, kein suchender Blick, kein Innehalten. Sie kannte den Weg. Zwischen den Gräbern verlor ich sie beinahe aus den Augen, dann sah ich sie wieder. Sie blieb stehen, stellte den Trolley ab.

Ein Grab.

Ich setzte mich auf eine Bank, etwas abseits. Mein Hund legte sich neben mich. Ich hielt das Telefon in der Hand, ohne es zu benutzen. Die Frau öffnete den Trolley. Handschuhe. Hell, beinahe rosa. Sie zog sie langsam über, strich die Finger glatt, als müsse alles genau sitzen.

Dann begann sie zu arbeiten.

Eine kleine Schaufel, eine Harke. Bewegungen, die nichts Suchendes hatten. Sie wusste, wo sie ansetzen musste. Entfernte Verblühtes, lockerte die Erde, strich sie glatt.

Sie arbeitete lange. Ohne Pause. Ohne sich umzusehen. Ohne Eile. Ich versuchte mir vorzustellen, wer hier lag. Ein Mann, dachte ich zuerst. Vielleicht ihr Mann. Später dachte ich an ein Kind. Dann wieder nicht. Nichts an ihr wirkte gebrochen. Eher gesammelt. Als hätte sie etwas geordnet, das sich nicht mehr ändern ließ.

Nach einer Weile stand ich auf. Mein Hund folgte mir. Ich ging einen Bogen, nicht zu nah.

Als ich noch einmal stehen blieb, hob sie den Kopf.

Ihr Gesicht lag nun im Licht.

Alt, ja. Aber klar. Wach. Die Haut fein, fast durchscheinend. Weißes Haar unter dem Hut.

Und ihre Augen.

Blau.

Für einen Moment sah sie mich an, ohne Frage, ohne Abwehr. Eher, als hätte sie längst bemerkt, dass ich da war. Dann senkte sie den Blick wieder. Ich ging weiter. Am Ausgang stand das Taxi. Der gleiche Wagen, der gleiche Fahrer. Er öffnete den Kofferraum, nahm den Trolley entgegen, stellte ihn hinein. Hielt ihr die Tür auf.

Sie stieg ein, ohne den Hut abzunehmen.

Ich blieb noch stehen, bis das Taxi verschwunden war. Dann ging ich nach Hause.

Ich habe lange nicht mehr an sie gedacht. Bis ich vor einigen Tagen wieder an dem Grab vorbeikam. Der Stein war überarbeitet worden.

Zwei Namen.

Paul – gestorben 1945.
Elisabeth – gestorben 2017.

Beide am selben Tag geboren. Ich blieb stehen. Die Erde war uneben, das Beet überwuchert. Es hatte sich wohl seit einiger Zeit niemand darum gekümmert. Ich ging nach Hause.

Am nächsten Tag nahm ich eine kleine Schaufel und eine Harke mit auf den Friedhof.

Ich sah mich um. Niemand in der Nähe. Mein Hund setzte sich neben das Grab und sah mir zu.

Ich begann zu arbeiten.

vom Bleiben des Meeres

Was denkst du, wenn du an das Meer denkst?

Ich weiß es nicht.

Aber ich kann dir sagen, woran ich denke.

Es ist früh am Morgen.

Noch bevor ich das Meer sehe, nehme ich es wahr:

Ich schmecke das Salz auf meinen Lippen, rieche die Luft, die vom Wasser ins Landesinnere zieht. Sie ist kühl, klar und trägt etwas in sich, das älter ist als jeder Gedanke.

Erst später höre ich das Meer.

Ein fernes, gleichmäßiges Rauschen.

Manchmal glaube ich, es ruft nach mir.

Dann gehe ich durch die Dünen.

Sie sind hoch, lang gezogen, vom Wind geformt. Der Sand gibt unter meinen Schritten nach, und mit jedem Schritt öffnet sich der Horizont ein wenig mehr –

bis es plötzlich vor mir liegt.

Das Meer.

Die Sonne steht noch tief.

Ihr erstes Licht fällt flach über das Wasser und lässt die Wellen aufleuchten. An diesem Oktobermorgen sind sie hoch. Der Wind treibt sie an den Strand, lässt sie brechen, lässt sie auslaufen, weit, immer weiter.

Der Schaum bleibt zurück.

Er legt sich über den Sand wie eine dünne Schneeschicht.

Manchmal hebt ihn der Wind wieder an und trägt ihn ein Stück weit in die Dünen hinein, als wären es Flocken, die sich verirrt haben.

Ich beuge mich hinab, nehme eine Handvoll davon.

Er ist leicht, fast nichts – und doch spüre ich sofort das Salz auf meiner Haut, als ich ihn über mein Gesicht und meinen Hals streiche.

Für einen Moment halte ich inne.

Bin ich jetzt Teil davon?

Oder war ich es immer schon?

Die Sonne steigt höher.

Das Licht wird klarer, der Tag beginnt.

Ich wende mich ab und gehe zurück in die Dünen.

Ich drehe mich nicht um.

Man verabschiedet sich nicht vom Meer.

Denn das Meer bleibt.

Nicht nur dort draußen –

sondern auch in mir.

Am Rand der Dünen ist es inzwischen hell geworden. Der Wind hat nachgelassen, alles wirkt ruhiger.

Und doch höre ich sie noch, die Wellen.

Leise.

Beständig.

Und ich weiß:

Ich werde zurückkehren.