Das Licht im Stall

Er stand vor dem Deich und schaute auf das Anwesen. Den Stall konnte er noch erkennen. Sie hatten ein neues Tor eingebaut, doch das Dach wirkte inzwischen alt. Dort, wo früher das Gulfhaus gestanden hatte, erhob sich nun ein großes Wohnhaus mit Gauben. Im Baustil erinnerte es noch an jene Häuser, die einst überall auf dem Fehn gestanden hatten. Damals.

Die Fehnstelle, die zum Haus gehörte, war etwa drei Hektar groß. Kaum vorstellbar, dass sein Urururgroßvater auf diesem Stück Land eine Familie hatte ernähren können. Schon in seiner Kindheit war die Landwirtschaft weiter entwickelt gewesen. Hatten seine Vorfahren noch fünf oder sechs Kühe gehalten, standen bei seinem Vater bereits dreißig Milchkühe im Stall.

Von den alten Stallungen war nichts geblieben. Den Stall, der heute alt wirkte, hatten sie erst in den siebziger Jahren errichtet. Die Tore hatte er damals selbst gebaut und montiert. Vor dem Haus weideten die Kühe. Nachts, wenn er bei offenem Fenster schlief, konnte er sie hören: Husten, dumpfes Scharren, das ruhige Wiederkäuen. Sonst nichts. Kein Verkehr. Kein fernes Rauschen. Auch kein Licht war zu sehen, wenn er nachts aus dem Fenster blickte. Straßenlaternen gab es nicht. Nur Dunkelheit, Sterne und manchmal der Vollmond, der alles in ein unwirkliches Licht tauchte.

Oft saß er im Sommer nachts am Fenster, wenn ihn seine Alpträume nicht schlafen ließen. Dann beobachtete er die Kühe. Danach konnte er meist ohne Alpträume weiterschlafen. Im Herbst und Winter sah er manchmal weit entfernt Licht im Stall des Nachbarn. Dann wusste er, dass ein Kalb geboren wurde. Auf den Höfen war das mehr als nur ein Ereignis gewesen. Jedes Kalb sicherte die Existenz. Der Verlust eines Kalbes war schmerzhaft. Er liebte die Kälber. Liebte den warmen Geruch des Stalls, den schweren Atem der Kühe, die Wärme ihrer Körper im Winter.

Der Gedanke verflog, als sich aus der Ferne ein Traktor näherte. Er trat zur Seite. Der Fahrer hob kurz die Hand zum Gruß, so wie man es hier immer getan hatte. Früher waren die Menschen stärker aufeinander angewiesen gewesen. Die Freundlichkeit war geblieben.

Westlich ihres Hofes lebte der Nachbar mit seiner Frau von Verpachtungen und der Kriegsrente. Wie viele Männer dort hatte auch er den Krieg erlebt. Sein eigener Vater war noch mit sechzehn Jahren eingezogen worden.

Zwischen den Höfen lag eine verlassene Fehnstelle. Ein schmaler Weg führte hindurch. Sah der Nachbar nachts Licht im Stall, machte er sich oft auf den Weg herüber, auch wenn meist keine Hilfe gebraucht wurde. Es gehörte sich einfach so. Wenn ein Kalb geboren worden war und Kuh und Kalb versorgt waren, saßen sie später in der Wohnküche zusammen und tranken Tee. Ganz gleich, wie spät es geworden war.

Als er an diesem Morgen durch das Dorf gefahren war, hatte er vieles kaum wiedererkannt. Alte Häuser waren verschwunden oder modernisiert worden. Dort, wo früher Weiden gelegen hatten, standen nun dicht gedrängt neue Häuser. Manche lehnten sich noch an den Stil der alten Fehnhäuser an, doch die alte Welt war daraus verschwunden.

Kein Kind musste dort im Winter unter mehreren Decken schlafen. Niemand bekam mehr einen heißen Ziegelstein aus dem Ofen ins Bett gelegt.

Am meisten erschreckte ihn der Kanal. Seit Jahren war der Schlick nicht mehr ausgebaggert worden. Das Wasser stand dunkel und schwer zwischen den Ufern. Früher war der Kanal Lebensader gewesen — Entwässerung, Transportweg, Verbindung zur Welt draußen. Nun wirkte er, als würde er langsam verschwinden. Ob die Menschen es gar nicht bemerkten?

Die, die heute hier leben, sind oft Zugezogene. Sie kennen das Land nicht mehr so, wie es einmal gewesen war. Nicht die Männer und Frauen, die mit Spaten und Karren das Moor urbar gemacht hatten. Nicht die Torfhütten. Nicht die Winterkälte, die früher durch jede Ritze kroch.

Die Heimat seiner Kindheit war fort.

Er erinnerte sich, wie sie damals dreißig Kühe durch das Dorf getrieben hatten. Drei Menschen reichten dafür aus. Die wenigen Autos warteten geduldig, bis die Herde vorüber war. Sein Großvater ging mit Schaufel und Eimer hinterher.

Seine Gedanken schweiften weiter zu einem alten Haus in der Nachbarschaft. Zwei Brüder hatten dort ihr Leben verbracht, eher gehaust als gewohnt. Reinhard und Johann. Schrullige Männer, die an Hexen und kleine Teufel glaubten und überall Zeichen sahen. Hinter ihrem Haus gab es einen großen Haufen mit runden Steinen, er durfte nicht bewegt werden.

Als sein Vater jung gewesen war, hatte er oft bei ihnen gesessen und ihren Geschichten zugehört. Er selbst hatte nur noch Johann gekannt. Der andere Bruder war bereits vor seiner Geburt gestorben.

Heute erinnerte nichts mehr an den alten Hof.

Er ging zu seinem Auto, holte die Thermoskanne, das in Papier eingeschlagene Butterbrot und eine Decke. Oben auf dem Deich breitete er sie aus, schenkte sich Tee ein und setzte sich so hin, dass er über die Fehnstellen blicken konnte.

Die Sonne stand in seinem Rücken. Ein leichter Wind trieb die wenigen Wolken über den Himmel. Er trank den Tee langsam, in kleinen Schlucken, möglichst heiß. Die Wärme tat ihm gut. Mit dem Geschmack von Schwarzbrot, Butter und Schinken kamen die Erinnerungen zurück. Ein leichtes Stechen zog durch seine Brust.

Unwiederbringlich.

Fliegen umschwirrten das Butterbrot. Er packte alles wieder in seine alte Tasche und zog den Reißverschluss zu, legte sich auf die Decke und blickte in den fast wolkenlosen Himmel. Hoch oben zogen Flugzeuge ihre weißen Streifen durch das Blau. Würde er mit denen da oben tauschen wollen? Der Wind wehte warm und er fühlte sich geborgen. Im Gras zirpten und summten die Insekten. Er roch die dunkle Erde seiner Heimat.

Bald fielen ihm die Augen zu.

Er träumte von seiner Kindheit. Davon, wie er mit seiner Schwester ein selbstgebautes Boot aus alten Ölfässern zum Kanal geschleppt hatte. Davon, wie sie ihn später auf dem Rücken nach Hause getragen hatte. Dann erschien Liesel vor ihm. Die rabenschwarze Stute seines Vaters mit der schmalen Blesse. Stark, ruhig und gutmütig. Er sah sich wieder mit seinen Eltern auf dem Pferdewagen zu einem abgeernteten Feld fahren. Sie hatten kalten Tee und Butterbrote eingepackt, denn der Tag würde lang werden. Jeder Halm Heu wurde damals aufgeharkt. Nichts durfte verloren gehen.

Die Tasche mit den Butterbroten hatte seine Mutter unter den Wagen gestellt, damit sie im Schatten blieb. Das Pferd war lang angebunden worden, damit es sich bewegen konnte. Wie immer, wenn er mit im Feld war, streunte er durch die Gegend, um Brombeeren zu sammeln. Als er Stunden später zurückkehrte, war kein einziges Butterbrot mehr übrig.

Das Pferd hatte sich losgerissen und alles gefressen. Nur den Tee hatte es stehen lassen. So blieben ihnen nur das Körbchen mit Brombeeren. Mit knurrenden Mägen machten sie sich später auf den langen Heimweg. Damals hatte er darüber lachen müssen.

Er wachte auf. Er musste lange geschlafen haben, denn die Sonne stand jetzt viel tiefer. Er nahm die Decke zusammen, packte die Tasche und ging zum Auto. Dann fuhr er den Kanal entlang, ließ das Fenster herunter. Nochmal frische Luft hineinlassen. Am Ende der Straße schaute er etwas länger  in den Spiegel, blieb kurz stehen. 

Dann bog er nach rechts ab.

Kolumne zum Wochenende

close up shot of books


Die Abkehr von Kindle, Tolino und Co.

Was mich dazu bringt, darüber zu schreiben, kann ich gar nicht so genau sagen. Vielleicht sind es die kleinen Dinge, die sich nicht aufdrängen und doch bleiben. Vor ein paar Tagen nahm ich meinen Kindle vom Schreibtisch. Ich wollte nur kurz nachsehen, was ich darauf gespeichert habe. Ob da vielleicht noch Bücher sind, die ich längst gekauft, aber nie gelesen habe. So eine stille Neugier, mehr nicht.

Die Batterie war leer. Nicht ein wenig – ganz. Das Gerät blieb stumm. Ich suchte ein Kabel, fand schließlich eines, schloss es an und legte den Reader zurück auf den Tisch. Morgen, dachte ich. Doch dieses Morgen kam nicht. Und während das Gerät dort lag und langsam wieder zu sich kam, wurde mir etwas anderes klar: Elektronische Bücher haben ihren Platz, auch in meinem Leben. Aber sie bleiben merkwürdig leicht. Fast zu leicht.

Im Urlaub zum Beispiel. Man nimmt sich vor zu lesen. Endlich einmal. Vielleicht dieses eine Buch, das schon so lange wartet. Doch dann steht man vor der Entscheidung, welches man mitnimmt. Es wiegt, nimmt Platz ein, liegt später vielleicht doch nur im Hotelzimmer. Der Reader dagegen wirkt wie die bessere Lösung: leicht, unauffällig, gefüllt mit einer ganzen Bibliothek. Eine kleine Welt in der Hand.

Und doch ist da dieser Moment. Man liegt am Strand, denkt: Jetzt lese ich. Aber das Buch ist nicht geladen. Oder gar nicht erst heruntergeladen. Kein WLAN, kein Zugriff. Das Smartphone liegt im Safe, aus guten Gründen. Versprochen ist versprochen. Und plötzlich ist da nichts als Leere. Vielleicht auch dieser leise Gedanke: Ein Buch würde jetzt reichen.

Natürlich hätte man daran denken können. Vorher. In Ruhe. Aber man hat es nicht.

Ich weiß nicht, wie viele Bücher Sie besitzen. Aber ich stelle mir vor, dass irgendwo in Ihrem Zuhause ein Regal steht. Still, verlässlich, ohne jede Eile. Darin reihen sich Bücher aneinander, jedes für sich, und doch alle verbunden durch die Zeit, die sie tragen. Es gibt diesen Moment, in dem man eines herausnimmt, es aufschlägt, ohne ein bestimmtes Ziel. Man blättert. Bleibt hängen. Und merkt, wie etwas in Bewegung kommt.

Ich glaube, Bücher haben eine Seele. Sie tragen mehr als nur Worte. Sie tragen Zeit. Meine Zeit. Die Zeit, in der ich sie gekauft habe. Oder geschenkt bekam. Sie bewahren etwas von dem, was war, und geben es zurück, wenn ich sie wieder öffne. Es ist, als läge zwischen den Seiten nicht nur Text, sondern Erinnerung.

Bücher altern. Wie wir. Sie werden weicher, vielleicht auch brüchiger. Nicht mehr makellos. Aber gerade darin liegt ihr Wert. Sie verändern sich, ohne zu verschwinden.

Eines meiner Bücher ist David Copperfield von Charles Dickens. Wenn ich es aus dem Regal nehme, bin ich wieder an einem See meiner Jugend. Sommer. Wasser. Zeit, die sich anders anfühlte. Ich blättere langsam, fast vorsichtig, und plötzlich ist er wieder da, dieser Duft von Papier, von Sonne, von etwas Vergangenem, das nicht ganz vergangen ist.

Manchmal stehen Bücher eines Autors nebeneinander, Band für Band, Jahr für Jahr. Dann sieht man es förmlich vor sich: ein Leben, geordnet, sichtbar geworden. Und zugleich erzählt jedes Regal auch etwas über den, dem es gehört. Es zeigt, was ihn interessiert, was ihn begleitet hat. Und manchmal bleibt jemand davor stehen, schaut, erkennt etwas wieder. Vielleicht ein Buch, das er selbst gelesen hat. Und dann beginnt ein Gespräch. Ganz ohne Vorbereitung. Einfach so.

Versuchen Sie das einmal mit einem Reader. Der irgendwo in einer Schublade liegt. Still. Dunkel. Wartend.

Ich wünsche Ihnen eine gute Lesewoche.