Das Licht im Stall

Er stand vor dem Deich und schaute auf das Anwesen. Den Stall konnte er noch erkennen. Sie hatten ein neues Tor eingebaut, doch das Dach wirkte inzwischen alt. Dort, wo früher das Gulfhaus gestanden hatte, erhob sich nun ein großes Wohnhaus mit Gauben. Im Baustil erinnerte es noch an jene Häuser, die einst überall auf dem Fehn gestanden hatten. Damals.

Die Fehnstelle, die zum Haus gehörte, war etwa drei Hektar groß. Kaum vorstellbar, dass sein Urururgroßvater auf diesem Stück Land eine Familie hatte ernähren können. Schon in seiner Kindheit war die Landwirtschaft weiter entwickelt gewesen. Hatten seine Vorfahren noch fünf oder sechs Kühe gehalten, standen bei seinem Vater bereits dreißig Milchkühe im Stall.

Von den alten Stallungen war nichts geblieben. Den Stall, der heute alt wirkte, hatten sie erst in den siebziger Jahren errichtet. Die Tore hatte er damals selbst gebaut und montiert. Vor dem Haus weideten die Kühe. Nachts, wenn er bei offenem Fenster schlief, konnte er sie hören: Husten, dumpfes Scharren, das ruhige Wiederkäuen. Sonst nichts. Kein Verkehr. Kein fernes Rauschen. Auch kein Licht war zu sehen, wenn er nachts aus dem Fenster blickte. Straßenlaternen gab es nicht. Nur Dunkelheit, Sterne und manchmal der Vollmond, der alles in ein unwirkliches Licht tauchte.

Oft saß er im Sommer nachts am Fenster, wenn ihn seine Alpträume nicht schlafen ließen. Dann beobachtete er die Kühe. Danach konnte er meist ohne Alpträume weiterschlafen. Im Herbst und Winter sah er manchmal weit entfernt Licht im Stall des Nachbarn. Dann wusste er, dass ein Kalb geboren wurde. Auf den Höfen war das mehr als nur ein Ereignis gewesen. Jedes Kalb sicherte die Existenz. Der Verlust eines Kalbes war schmerzhaft. Er liebte die Kälber. Liebte den warmen Geruch des Stalls, den schweren Atem der Kühe, die Wärme ihrer Körper im Winter.

Der Gedanke verflog, als sich aus der Ferne ein Traktor näherte. Er trat zur Seite. Der Fahrer hob kurz die Hand zum Gruß, so wie man es hier immer getan hatte. Früher waren die Menschen stärker aufeinander angewiesen gewesen. Die Freundlichkeit war geblieben.

Westlich ihres Hofes lebte der Nachbar mit seiner Frau von Verpachtungen und der Kriegsrente. Wie viele Männer dort hatte auch er den Krieg erlebt. Sein eigener Vater war noch mit sechzehn Jahren eingezogen worden.

Zwischen den Höfen lag eine verlassene Fehnstelle. Ein schmaler Weg führte hindurch. Sah der Nachbar nachts Licht im Stall, machte er sich oft auf den Weg herüber, auch wenn meist keine Hilfe gebraucht wurde. Es gehörte sich einfach so. Wenn ein Kalb geboren worden war und Kuh und Kalb versorgt waren, saßen sie später in der Wohnküche zusammen und tranken Tee. Ganz gleich, wie spät es geworden war.

Als er an diesem Morgen durch das Dorf gefahren war, hatte er vieles kaum wiedererkannt. Alte Häuser waren verschwunden oder modernisiert worden. Dort, wo früher Weiden gelegen hatten, standen nun dicht gedrängt neue Häuser. Manche lehnten sich noch an den Stil der alten Fehnhäuser an, doch die alte Welt war daraus verschwunden.

Kein Kind musste dort im Winter unter mehreren Decken schlafen. Niemand bekam mehr einen heißen Ziegelstein aus dem Ofen ins Bett gelegt.

Am meisten erschreckte ihn der Kanal. Seit Jahren war der Schlick nicht mehr ausgebaggert worden. Das Wasser stand dunkel und schwer zwischen den Ufern. Früher war der Kanal Lebensader gewesen — Entwässerung, Transportweg, Verbindung zur Welt draußen. Nun wirkte er, als würde er langsam verschwinden. Ob die Menschen es gar nicht bemerkten?

Die, die heute hier leben, sind oft Zugezogene. Sie kennen das Land nicht mehr so, wie es einmal gewesen war. Nicht die Männer und Frauen, die mit Spaten und Karren das Moor urbar gemacht hatten. Nicht die Torfhütten. Nicht die Winterkälte, die früher durch jede Ritze kroch.

Die Heimat seiner Kindheit war fort.

Er erinnerte sich, wie sie damals dreißig Kühe durch das Dorf getrieben hatten. Drei Menschen reichten dafür aus. Die wenigen Autos warteten geduldig, bis die Herde vorüber war. Sein Großvater ging mit Schaufel und Eimer hinterher.

Seine Gedanken schweiften weiter zu einem alten Haus in der Nachbarschaft. Zwei Brüder hatten dort ihr Leben verbracht, eher gehaust als gewohnt. Reinhard und Johann. Schrullige Männer, die an Hexen und kleine Teufel glaubten und überall Zeichen sahen. Hinter ihrem Haus gab es einen großen Haufen mit runden Steinen, er durfte nicht bewegt werden.

Als sein Vater jung gewesen war, hatte er oft bei ihnen gesessen und ihren Geschichten zugehört. Er selbst hatte nur noch Johann gekannt. Der andere Bruder war bereits vor seiner Geburt gestorben.

Heute erinnerte nichts mehr an den alten Hof.

Er ging zu seinem Auto, holte die Thermoskanne, das in Papier eingeschlagene Butterbrot und eine Decke. Oben auf dem Deich breitete er sie aus, schenkte sich Tee ein und setzte sich so hin, dass er über die Fehnstellen blicken konnte.

Die Sonne stand in seinem Rücken. Ein leichter Wind trieb die wenigen Wolken über den Himmel. Er trank den Tee langsam, in kleinen Schlucken, möglichst heiß. Die Wärme tat ihm gut. Mit dem Geschmack von Schwarzbrot, Butter und Schinken kamen die Erinnerungen zurück. Ein leichtes Stechen zog durch seine Brust.

Unwiederbringlich.

Fliegen umschwirrten das Butterbrot. Er packte alles wieder in seine alte Tasche und zog den Reißverschluss zu, legte sich auf die Decke und blickte in den fast wolkenlosen Himmel. Hoch oben zogen Flugzeuge ihre weißen Streifen durch das Blau. Würde er mit denen da oben tauschen wollen? Der Wind wehte warm und er fühlte sich geborgen. Im Gras zirpten und summten die Insekten. Er roch die dunkle Erde seiner Heimat.

Bald fielen ihm die Augen zu.

Er träumte von seiner Kindheit. Davon, wie er mit seiner Schwester ein selbstgebautes Boot aus alten Ölfässern zum Kanal geschleppt hatte. Davon, wie sie ihn später auf dem Rücken nach Hause getragen hatte. Dann erschien Liesel vor ihm. Die rabenschwarze Stute seines Vaters mit der schmalen Blesse. Stark, ruhig und gutmütig. Er sah sich wieder mit seinen Eltern auf dem Pferdewagen zu einem abgeernteten Feld fahren. Sie hatten kalten Tee und Butterbrote eingepackt, denn der Tag würde lang werden. Jeder Halm Heu wurde damals aufgeharkt. Nichts durfte verloren gehen.

Die Tasche mit den Butterbroten hatte seine Mutter unter den Wagen gestellt, damit sie im Schatten blieb. Das Pferd war lang angebunden worden, damit es sich bewegen konnte. Wie immer, wenn er mit im Feld war, streunte er durch die Gegend, um Brombeeren zu sammeln. Als er Stunden später zurückkehrte, war kein einziges Butterbrot mehr übrig.

Das Pferd hatte sich losgerissen und alles gefressen. Nur den Tee hatte es stehen lassen. So blieben ihnen nur das Körbchen mit Brombeeren. Mit knurrenden Mägen machten sie sich später auf den langen Heimweg. Damals hatte er darüber lachen müssen.

Er wachte auf. Er musste lange geschlafen haben, denn die Sonne stand jetzt viel tiefer. Er nahm die Decke zusammen, packte die Tasche und ging zum Auto. Dann fuhr er den Kanal entlang, ließ das Fenster herunter. Nochmal frische Luft hineinlassen. Am Ende der Straße schaute er etwas länger  in den Spiegel, blieb kurz stehen. 

Dann bog er nach rechts ab.

Auf dem Gedankenstrom

scenic river flowing through mountain valley

Gegen die Vergangenheit
kein Widerstand mehr.
Ich treibe.

Im Strom der Gedanken –
nicht leicht,
nur leichter als zuvor.

Sie kommen,
gehen,
lassen Reste zurück.

Wünsche.
Schuld.
Dinge,
die sich nicht auflösen.

Träume –
nicht gezählt,
nur verbraucht.

Vielleicht nichts versäumt.
Vielleicht alles.

Und doch:
Ich würde wieder so gehen,
durch dieselben Risse,
dieselben Irrtümer,
dieselbe Blindheit.

Aus Trotz.
Oder weil es keinen anderen Weg gab.

Zuversicht?
Ein leiser Rest davon.
Hartnäckig.

Nichts hält.
Nichts bleibt.

Und doch –
geht nichts verloren.

Die zweite Tasse

ceramic cups and saucers on glass table

Heute Morgen, am Friedhof, kam mir ein alter Mann auf einem Fahrrad entgegen.

Er trug einen in Zeitungspapier gewickelten Blumenstrauß bei sich. Der alte Mann öffnete das Tor zum Friedhof und schob das Fahrrad hindurch. In meinen Gedanken stelle ich mir vor, dass seine verstorbene Frau heute Geburtstag hat und er ihr die Blumen ans Grab bringt.

Er wird dann wieder nach Hause fahren, das gerahmte Bild seiner Frau auf den Küchentisch stellen – an die Stelle, an der sie immer gesessen hat. Dann schneidet er ein Stück Zitronenkuchen auf und legt auch ihr ein Stück auf den Teller.

Er holt die Porzellankanne aus dem Schrank und füllt den frischen Kaffee hinein. Er gießt sich und seiner Frau Kaffee ein. Dann setzt er sich auf den Stuhl.

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“, sagt er mit leiser Stimme.

Eine Träne tropft dabei in seinen Kaffee.

Der lebendige Weg

selective focus photo of stone under green trees

Ich trete in den weißen Kies.
Unter den dünnen Sohlen meiner Sneaker
erwacht er zum Leben —
ein leises Gleiten, ein tastendes Nachgeben,
als prüfe er meinen Schritt.

Ein Kiesweg duldet kein Zögern.
Er fordert Hingabe.
Nur wer sich ihm überlässt,
wird von ihm getragen.

Er weicht nicht —
er antwortet.
Er schmiegt sich dem Fuß,
ohne sich preiszugeben.

Sein Knirschen, kaum mehr als ein Flüstern,
verwebt sich mit dem Atem des Frühlings,
mit dem fernen Rufen der Vögel —
eine Musik,
die nicht erklingt,
sondern entsteht.

Und der Stein?
Hart.
Verschlossen.
Ein Körper ohne Erinnerung.
Er weist den Regen ab,
wo der Kies ihn durch sich hindurchlässt,
ihn bewahrt,
ohne ihn festzuhalten.

So ist der Kies
dem Leben verwandt —
beweglich, durchlässig,
im ständigen Werden.

Kein Schritt wiederholt sich.
Kein Moment kehrt zurück.

Ich gehe —
hinauf, hinab,
getragen vom Wandel.

Und während ich gehe,
begreife ich leise:
Nicht der Weg verändert sich.

Ich bin es.

Das Schweigen der Ferne

solitary tree in misty landscape at dawn

Kalt umschließt mich
der Nebel des frühen Tages.
Was ich Hoffnung nenne,
ist nur ein Ahnen.

Die Ferne schweigt.
Und doch gebe ich ihr Sinn.

Die Zukunft –
Versprechen der Sterne
oder ihr gleichgültiges Leuchten.

Ein Schleier liegt vor dem Leben.
Ich gehe hindurch,
ohne zu wissen,
ob es einen Weg gibt
oder nur mein Gehen.

Die Lieder des Lebens erklingen –
und ich singe sie,
weil Schweigen
keine Antwort ist.

Nebel

green pine trees covered with fogs under white sky during daytime

Nebel ruht über dem Land,
hält es still in kalter Hand.

Löscht die Welt in weichen Linien,
flüstert leise, ohne Namen, ohne Stimmen.

Ein Versprechen liegt darin:
sich zu lösen – irgendwohin,
und doch zu bleiben, zeitlos sacht,
wie ein Atemzug der Nacht.

Birgt, was keiner je ermisst,
tilgt, was war, und was noch ist.

Hüllst mich ein, so sanft, so nah –
alles Fremde schwindet da.

Und in deinem grauen Licht
bin ich endlich nur noch ich.

Nach dem Sturm

leafless tree on the field

Der Sturm fährt wild durchs weite Land,
so ungezähmt, uns unbekannt.
Nichts hält stand, nichts bleibt bestehen,
vieles vergeht im schnellen Wehen.
Bäume beugen sich, Äste brechen,
Blätter tanzen, wirbeln, sprechen
von der Macht, die uns umfängt –
die Natur, die uns verdrängt.

Sturm und Wind, wie Kinderspiel,
doch mit Kraft und ohne Ziel,
drehen, reißen, jagen fort –
alles wandelt sich im Nu an jedem Ort.

Dann verstummt das wilde Brausen,
Stille legt sich auf das Draußen.
Was geschah, scheint kaum zu fassen,
nur die Spuren sind geblieben, blassen.
Alles liegt verstreut und leer,
nichts ist mehr wie einst zuvor, nichts mehr.

Und wir Menschen, klein und schwach,
stehen still im Nachhall nach.
Doch wie der Sturm die Welt befreit,
trägt er auch in uns die Zeit,
Gedanken, schwer und ungeklärt,
werden still und neu gekehrt.

Zwischen Tag und Nacht

In der Dämmerung
ein flüchtiger Bund:
Tag
und Nacht.

Stille tritt näher,
legt sich in mich,
öffnet das Hören.

Die Farben versinken.
Das Licht wird ungewiss.

Ein Rascheln nur –
und die Welt hält inne.

Jäger gehen.
Gejagte verschwinden.

Der Morgen wird zählen.

Und wieder:
Tag.
Woche.
Jahr.

Ein Schnitt im Wasser –
der Reiher.

Ein Schatten im Dickicht –
der Fuchs.

Laub spricht leise
unter kleinen Leben.

Und fern,
fast hell:
ein Laut,
der bleibt –
Leben.

Fallende Minuten

Am späten Abend

wandere ich

durch die Kälte des Tages,

der leise vergeht.

 

Die Luft ist klar,

kein Wind,

nur Stille –

und fern

ein letzter Vogel,

der sein Nachtlager sucht.

 

Es ist die Zeit,

in der die Gedanken

langsamer werden,

zur Ruhe finden,

und der Tag

noch einmal

an mir vorüberzieht.

 

Was bleibt,

halte ich fest –

für morgen,

für später.

 

Im Licht der sinkenden Sonne

glühen die Blätter

tiefer als am Tag.

Sie lösen sich,

schweben,

fallen –

 

wie Minuten

unseres Lebens:

vergangen,

unwiederbringlich.

 

Und doch –

nichts geht verloren.

 

Was vergeht,

wird zu neuem Leben,

zu neuen Gedanken,

die wachsen

im Stillen.

The Foxhunter´s Last Morning

cute roe deer standing in green natural reservation park

Es war Spätsommer, und der Herbst lag bereits in der Luft. Der alte Jäger saß in seinem mit Schaffell bezogenen Sessel und hing seinen Gedanken nach. Der Sessel stand vor der Terrassentür, und wenn ihm die Luft im Zimmer zu schwer wurde, konnte er die Tür mit seinem Gehstock aufstoßen.

An diesem Stock, den er seit etwa einem Jahr benutzte, war oben eine kleine Fahrradklingel befestigt. Mit ihr rief er einen seiner beiden Diener herbei, die inzwischen all das für ihn erledigten, was er selbst nicht mehr vermochte.

Das Gehen fiel ihm seit Jahren immer schwerer. Dieses Jahr würde das erste sein, in dem er nicht mehr zur Bockjagd hinausgehen konnte. Schon lange war er nicht mehr in der Lage gewesen, auf sein Pferd zu steigen. Die Fuchsjagden, die er einst so geliebt hatte, gehörten endgültig der Vergangenheit an.

Im ersten Jahr, als ihm klar geworden war, dass das Reiten über die Flur zu gefährlich geworden war, hatte er sich noch mit dem Pferdewagen zur Strecke fahren lassen und gemeinsam mit den anderen nach der Jagd die Strecke geblasen. Doch das Horn war längst nur noch ein Stück Blech für ihn geworden. Seine Lunge hatte ihre Kraft verloren, und der Arzt hatte ihm geraten, sich künftig zu schonen.

Der alte Jäger hatte darauf nichts erwidert.

Ein Leben ohne Jagd – das konnte er sich nicht vorstellen.

Hier im Lakeland-Distrikt mit seinen sanften Hügeln und den sattgrünen Wiesen, die – wie überall im Norden Englands – von niedrigen Steinmauern durchzogen waren, gehörte die Jagd zum Leben selbst.

Töte niemals etwas, was du nicht auch essen würdest.

Das hatte sein Vater ihm gesagt, als er noch ein kleiner Junge gewesen war. Und er hatte sich sein Leben lang daran gehalten. Das Geld, das er mit dem Verkauf von Wildbret verdiente, brauchte er nicht. Sein Vater hatte ihm ein stattliches Vermögen hinterlassen, und das Fleisch gab er ohnehin meist an die Menschen auf seinen Ländereien weiter. Die wenigen Bauern hatten genug Mühe, mit dem auszukommen, was sie hatten.

So versorgte er sie mit Hirsch, Reh und Kaninchen. Nur den Fuchs – den alten Räuber – jagte er aus reiner Lust am Jagen. Der Fuchs war schlau, und oft hatte der alte Jäger ihm tagelang allein nachgestellt. Manchmal gewann der Fuchs, manchmal der Jäger. Für ihn war entscheidend, dass das Gleichgewicht immer wieder hergestellt wurde. Die großen Treibjagden auf den Fuchs, wie sie in England seit Jahrhunderten üblich waren, widerten ihn an.

Das, was du jagst, muss auch eine Chance haben zu entkommen. Das war stets seine Devise gewesen.

Der Wind rüttelte an den Fensterläden, und obwohl es draußen noch warm war, spürte der alte Jäger, wie eine Kälte von seinen Beinen heraufkroch. Langsam erreichte sie seine Brust, und für einen Moment überkam ihn das Gefühl, als würde ihm gleich die Luft wegbleiben.

Dann lass es vorbei sein, dachte er.
Hol mich – wer immer du bist. Gott oder Teufel oder was auch immer.

Doch dieser Gefallen wurde ihm nicht getan.

Nach mehreren schweren Hustenanfällen kam er wieder etwas zu Kräften. Seine Diener – längst mehr Freunde als Bedienstete – kümmerten sich um ihn, und so ließ der Tod weiter auf sich warten. In der folgenden Nacht schlief er schlecht. Mehrfach wachte er auf, zündete die Petroleumlampe neben seinem Bett an und starrte lange zur Decke. Immer öfter hatte er das Gefühl, die Dunkelheit um sich herum nicht mehr ertragen zu können. Das Fenster stand stets offen, im Sommer wie im Winter.

Der alte Jäger lauschte hinaus in die Nacht. Seine Augen wurden schwächer, doch sein Gehör war noch immer scharf. Ein Rascheln im Laub – er wusste genau, ob ein Igel oder eine Maus unterwegs war. Selbst das schnelle Flirren der Luft, verursacht von einer Fledermaus oder einer Eule, konnte er hören und deuten.

Sie sind alle da draußen, dachte er.
Sie jagen, weil sie jagen müssen.

Wer nicht auf die Jagd ging, starb. Der Tod als Teil des Lebens – für ihn war das immer selbstverständlich gewesen.

Wenn er im Bett lag, konnte er die Uhr an der gegenüberliegenden Wand beobachten. Sie hatte ein Pendel und ein Zifferblatt mit römischen Zahlen. Unter dem runden Glas befanden sich zwei kleine Fenster, durch die man das Pendel sehen konnte.

Eine Bewegung

Eine Sekunde.

Das leise Klacken hörte er nur, wenn er sich darauf konzentrierte. Doch wenn die Uhr stehen blieb, weil die Diener vergessen hatten, sie aufzuziehen, dann fehlte ihm dieses Geräusch. Manchmal, wenn er wie in dieser Nacht nicht schlafen konnte, beobachtete er das Pendel und dachte daran, dass mit jedem Schlag sein Leben kürzer wurde.

Unaufhörlich, ohne Erbarmen, kroch die Zeit dahin.

Er blickte auf das Zifferblatt.

Drei Uhr.

Die Gedanken, die ihn in letzter Zeit immer öfter heimsuchten, kehrten zurück.

Heute, dachte er, heute ist ein guter Tag.

Er griff nach der kleinen Glocke auf seinem Nachttisch und läutete. Es dauerte einige Minuten, bis einer seiner Diener erschien.

„Sir?“

„Jack“, sagte der alte Jäger, „hol Tom. Ihr müsst mir heute einen Gefallen tun.“

Jack sah ihn kurz verwundert an, stellte jedoch keine Fragen und ging.

Wenig später standen beide Männer vor ihm.

„Ihr müsst mir heute Nacht einen Gefallen tun“, sagte der alte Jäger ruhig.

Sie kannten seine kauzige, manchmal schroffe Art. Trotzdem arbeiteten sie gern für ihn. Er hatte sie stets respektvoll behandelt, besser als viele andere Herren ihre Leute im Distrikt. „Jeder hat seine Stellung im Leben“, hatte er einmal gesagt. „Aber jeder Mensch hat ein Recht auf eine ordentliche Behandlung.“

Der alte Jäger sah die beiden Männer an.

„Was ich euch jetzt bitte zu tun, tut es einfach. Fragt nicht nach dem Warum.“ Tom und Jack standen still vor ihm.

„Ich kann kaum noch gehen“, sagte der Jäger. „In zwei Stunden geht die Sonne auf. Ich möchte, dass ihr mich in diesem Sessel zur Lichtung bringt.“ Die Diener wussten sofort, welche Lichtung er meinte. Dort hatte ihr Herr viele Jahre auf Ansitz gesessen. Manchmal kehrte er mit Hasen oder Dachsen zurück, manchmal mit einem Reh. Immer waren es alte oder schwache Tiere gewesen. Oft hatten sie sich gefragt, warum er nicht – wie andere Jäger – auf Trophäen aus war. Der alte Jäger hatte einmal gesagt, er sehe sich eher als eine Art Wolfsersatz. Ganz verstanden hatten sie das nie.

Der alte Jäger wog kaum noch etwas. Die beiden Männer nahmen ihn mitsamt dem Sessel auf und trugen ihn durch den nächtlichen Buchenwald zur Lichtung. Der Mond stand über den Bäumen, und zur Sicherheit hatten sie eine Petroleumlampe mitgenommen.

Der alte Jäger sagte kein Wort.

Doch er war hellwach.

Seine Augen suchten die Dunkelheit ab. Einmal querte eine Eule lautlos ihren Weg, und er hielt unwillkürlich den Atem an. Schließlich erreichten sie die Lichtung. Der Mond ließ den Tau auf den Gräsern silbern schimmern.

Wie ein Schleier, dachte der alte Jäger.
Wie ein Hochzeitsschleier.

Die Natur als Braut. Jeden Tag vermählt sie sich aufs Neue mit uns. Der Gedanke gefiel ihm. Der Platz, an dem sie ihn absetzten, lag etwas erhöht, sodass er die ganze Lichtung überblicken konnte.

„Sir“, sagte einer der Diener, „wir haben Ihre Büchse vergessen.“

Der alte Jäger lächelte schwach.

„Die brauche ich heute nicht.“

Dann bat er sie, näher zu kommen. Er nahm ihre Hände.

„Danke.“

Die Männer sahen sich verwundert an.

„Sir?“

„Geht jetzt“, sagte er in seinem alten herrischen Ton. „Verschwindet.“

Sie gingen.

Bald waren ihre Schritte und Stimmen im Wald verklungen. Nun war er allein. Doch er fühlte sich nicht einsam. Hier draußen war er zu Hause. Er atmete tief durch die Nase ein. Der Duft von Erde, morschem Holz und feuchtem Gras erfüllte ihn. Noch einmal alles aufnehmen. Die Sonne begann langsam hinter dem Horizont aufzusteigen. Ein goldener Streifen erschien am Himmel. Viele Menschen sahen so etwas nie in ihrem Leben.

Über ihm spannte eine alte Buche ihre Äste wie einen Baldachin. Er kannte diesen Ort seit seiner Kindheit. Einige Äste waren kahl geworden. Andere trugen noch Blätter, die im ersten Licht des Morgens leise zitterten. „Wie meine Beine“, murmelte er und lächelte. Die alte Buche hatte viele Winter überstanden. Vielleicht würden sie noch viele weitere sehen. 

„Wir haben alle unsere Zeit hier.“

Plötzlich traten drei Rehe aus dem Wald auf die Lichtung. Obwohl er diesen Anblick unzählige Male gesehen hatte, schlug sein Herz schneller. Er öffnete leicht den Mund, damit sein Atem lautlos blieb. Die Rehe ästen friedlich im Morgengrauen.

„Ihr seid gar nicht so dumm, wie manche glauben“, murmelte er.

Die ersten Vögel begannen zu singen. Die Sonne stieg höher. Er liebte diesen Übergang von Nacht zu Tag.

Wenn etwas Neues beginnt, muss zuvor etwas Altes sterben.

Ein Falke kreiste über der Lichtung.

„So mancher wird diesen Tag nicht überleben.“

Lange saß er still da.

Alles war gut.

Alles war im Jetzt.

Er spürte, wie sein Atem langsamer wurde. Die Schmerzen in seiner Brust wurden schwächer. Dann merkte er, dass seine linke Hand sich nicht mehr bewegen ließ.

Neben sich hörte er ein leises Geräusch.

Aus den Augenwinkeln sah er eines der jungen Rehe. Es stand nur wenige Meter entfernt.

Langsam kam es näher.

Der alte Jäger spürte, wie eine Kälte von seinen Füßen aufstieg. Sie kroch über seine Beine, seinen Bauch und legte sich schließlich um sein Herz.

Eine kalte Faust.

Doch er hatte keine Angst.

Er wusste, dass seine Zeit gekommen war. Das Reh trat noch näher.

Er fühlte, wie seine weiche Nase seine Hand berührte. Das Fell roch nach Gras und Morgentau.

Dann verließ ihn ganz langsam das Leben.

Ein Schwarm Vögel erhob sich plötzlich aus den Bäumen.

Das Reh erschrak und sprang davon.

Der alte Jäger saß in seinem alten, mit Schaffell bezogenen Sessel an der Lichtung.

Und hatte seinen Frieden gefunden.