Du bist da

Wie gerne hätte ich dich noch hier. Wie gerne würde ich nochmal mit dir über das Leben philosophieren, wie wir es sooft getan haben. Wie gerne nochmal in deine blassblauen Augen schauen, die so viel gesehen haben. Wie gerne, einfach neben dir zu sitzen und zu wissen: Du bist da.

Als du gegangen bist, war mein Leben ohnehin im Umbruch. Du warst einfach nicht mehr da, obwohl ich dir noch so viel zu sagen hatte. Du hast gesagt, es sei alles gut. Das gab mir Ruhe und auch Unruhe. War es wirklich so? War es denn auch für mich gut?

Dann der Moment, in dem nichts mehr so ist, wie es war. Alles ist plötzlich anders. Nichts bleibt von dem, was einmal war. Kein verschmitztes Lächeln. Keine warme Hand, die hält. Keine Augen, die mich ansehen konnten, wie sonst niemand. Von der schweren Arbeit gezeichnete Hände, die sich nie gegen mich erhoben haben. Eine Stimme, die nie laut oder bestimmend wurde.

Im Nachhinein denke ich, dass das Leben dich zweimal betrogen hat. Viel zu früh der Kindheit entrissen, in einen mörderischen Krieg hineingeworfen. Du hast es überlebt, aber hast du es je überwunden? Und dann, als all die Arbeit in deinem Leben getan war, da hättest du ruhen können, stolz auf das sein, was du erreicht hast, da war die Zeit wiederum zu kurz.

Die teuflischste aller Krankheiten hat dich schließlich besiegt. Diesen Kampf konntest du nicht mehr gewinnen. Du bist nicht mehr da – und doch jeden Tag bei mir.

Auf dem Gedankenstrom

scenic river flowing through mountain valley

Gegen die Vergangenheit
kein Widerstand mehr.
Ich treibe.

Im Strom der Gedanken –
nicht leicht,
nur leichter als zuvor.

Sie kommen,
gehen,
lassen Reste zurück.

Wünsche.
Schuld.
Dinge,
die sich nicht auflösen.

Träume –
nicht gezählt,
nur verbraucht.

Vielleicht nichts versäumt.
Vielleicht alles.

Und doch:
Ich würde wieder so gehen,
durch dieselben Risse,
dieselben Irrtümer,
dieselbe Blindheit.

Aus Trotz.
Oder weil es keinen anderen Weg gab.

Zuversicht?
Ein leiser Rest davon.
Hartnäckig.

Nichts hält.
Nichts bleibt.

Und doch –
geht nichts verloren.

Frohe Ostern, lieber Johann!

a yellow daffodils in full bloom

Eine Geschichte, die jedes Jahr ein wenig anders wurde.

Zu Ostern erzählte mein Vater immer wieder diese Geschichte. Jedes Mal ein wenig anders, als würde sie sich selbst verändern, während er sprach. Vielleicht war es wirklich so geschehen – vielleicht auch nicht. Heute kann ich niemanden mehr fragen. Mein Großvater, mein Vater und seine beiden Brüder sind längst nicht mehr da.

Die Geschichte führt zurück in eine Zeit, in der sie alle noch zusammen auf dem elterlichen Hof lebten. Mein Vater war damals ein Junge von vielleicht zwölf Jahren.

Mein Großvater war ein umtriebiger Mensch. Einer, der nicht lange stillsitzen konnte und dessen Weg ihn eher zu den Menschen führte als auf die Felder des eigenen Hofes. Als Prädikant der evangelischen Kirche Hannover im Kirchenkreis Potshausen war er viel unterwegs. Für mich als Kind schien es, als kenne er jeden – und jeder kenne ihn.

Und so kam es wohl auch, dass er bei manch alleinstehender Dame ein und aus ging. Ich will darüber nicht urteilen. Aber eines ist sicher: Einige von ihnen hatten ein Auge auf ihn geworfen.

Es war ein Ostersonntag.

Am Nachmittag saßen mein Vater, seine Brüder und mein Großvater in der Küche. Ob meine Großmutter dabei war, weiß ich nicht mehr. Vielleicht war sie nicht da – vielleicht war genau das der Grund, warum sich die folgende Szene überhaupt ereignen konnte. Sie war oft krank, und es wäre gut möglich, dass sie zu dieser Zeit bei Verwandten in Wattenscheid war.

Die Tür zur Küche stand offen, wie es damals in Ostfriesland üblich war.

Plötzlich trat eine Frau ein.

Mein Vater sagte, sie hätten sofort gewusst, wer sie war. Eine auffallend hübsche Frau – ihren Namen kannte ich einmal, doch er ist mir entfallen. Mein Großvater erstarrte. Für einen Moment stand ihm die Überraschung ins Gesicht geschrieben, dann glitt sein Blick verlegen zu seinen drei Söhnen hinüber, die dicht nebeneinander auf dem Sofa saßen – wachsam, gespannt, beinahe lauernd.

Die Frau – nennen wir sie einfach Anni – ging ohne zu zögern auf ihn zu. Sie öffnete ihre Handtasche, suchte einen Moment darin und zog schließlich eine Tafel Schokolade hervor. Mit einer Selbstverständlichkeit, die keinen Zweifel zuließ, reichte sie sie ihm, trat näher, umarmte ihn, küsste ihn auf die Wange und sagte, hell und freudig:

„Frohe Ostern, lieber Johann.“

Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen.

Dann brach das Lachen los.

Mein Vater und seine Brüder konnten nicht anders – sie lachten laut, hemmungslos, wie Jungen es tun, wenn sie etwas entdecken, das größer ist als sie selbst. Ein Schabernack des Lebens, direkt vor ihren Augen.

Anni zögerte, vielleicht nur einen Wimpernschlag lang. Dann wandte sie sich ab und verschwand durch die Küchentür nach draußen, hinaus ins Freie, hinaus aus diesem Moment. Mein Großvater lief rot an, murmelte etwas Unverständliches und verließ ebenfalls die Küche.

Zurück blieb – neben dem Echo des Lachens – eine Tafel Schokolade.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Jungen sie schnell verschwinden ließen. Spuren sollten schließlich keine bleiben.

Und so wurde diese Begebenheit Teil unserer Ostern.

Kein Jahr verging, ohne dass meine Onkel zu Besuch kamen. Kein Ostern, an dem diese Geschichte nicht erzählt wurde – am liebsten dann, wenn mein Großvater selbst mit am Tisch saß. Und jedes Mal klang sie ein wenig anders, als würde sie sich dem Erzähler anpassen, sich neu formen, weiterleben.

Ob sie wahr ist?

Ich glaube schon, dass etwas Wahres in ihr steckt. Aber vielleicht ist das gar nicht entscheidend.

Manche Geschichten brauchen keine Gewissheit. Sie brauchen nur Erinnerung.

In diesem Sinne:
Frohe Ostern, lieber Johann.
Frohe Ostern, Papa. Frohe Ostern, Bernhard. Frohe Ostern, Artur.

Ihr fehlt mir.
Doch an Ostern seid ihr mir näher als sonst.

1945

a statue on a cemetery

Das Taxi hielt direkt vor dem Friedhofstor. Ich blieb stehen. Mein Hund zog kurz an der Leine, dann wartete er.

Eine Frau stieg aus.

Groß, aufrecht, ein helles Kleid, das sich kaum bewegte. Der Strohhut war breit genug, um ihr Gesicht im Schatten zu halten. Der Fahrer hob einen Trolley aus dem Kofferraum. Sie nickte nur, nahm den Griff und ging los.

Langsam. Sicher. Ohne zu zögern.

Ich weiß nicht, warum ich ihr folgte. Vielleicht, weil sie nicht hierher zu passen schien. Oder weil sie wirkte, als käme sie nicht oft. Am Eingang zögerte sie nicht, kein suchender Blick, kein Innehalten. Sie kannte den Weg. Zwischen den Gräbern verlor ich sie beinahe aus den Augen, dann sah ich sie wieder. Sie blieb stehen, stellte den Trolley ab.

Ein Grab.

Ich setzte mich auf eine Bank, etwas abseits. Mein Hund legte sich neben mich. Ich hielt das Telefon in der Hand, ohne es zu benutzen. Die Frau öffnete den Trolley. Handschuhe. Hell, beinahe rosa. Sie zog sie langsam über, strich die Finger glatt, als müsse alles genau sitzen.

Dann begann sie zu arbeiten.

Eine kleine Schaufel, eine Harke. Bewegungen, die nichts Suchendes hatten. Sie wusste, wo sie ansetzen musste. Entfernte Verblühtes, lockerte die Erde, strich sie glatt.

Sie arbeitete lange. Ohne Pause. Ohne sich umzusehen. Ohne Eile. Ich versuchte mir vorzustellen, wer hier lag. Ein Mann, dachte ich zuerst. Vielleicht ihr Mann. Später dachte ich an ein Kind. Dann wieder nicht. Nichts an ihr wirkte gebrochen. Eher gesammelt. Als hätte sie etwas geordnet, das sich nicht mehr ändern ließ.

Nach einer Weile stand ich auf. Mein Hund folgte mir. Ich ging einen Bogen, nicht zu nah.

Als ich noch einmal stehen blieb, hob sie den Kopf.

Ihr Gesicht lag nun im Licht.

Alt, ja. Aber klar. Wach. Die Haut fein, fast durchscheinend. Weißes Haar unter dem Hut.

Und ihre Augen.

Blau.

Für einen Moment sah sie mich an, ohne Frage, ohne Abwehr. Eher, als hätte sie längst bemerkt, dass ich da war. Dann senkte sie den Blick wieder. Ich ging weiter. Am Ausgang stand das Taxi. Der gleiche Wagen, der gleiche Fahrer. Er öffnete den Kofferraum, nahm den Trolley entgegen, stellte ihn hinein. Hielt ihr die Tür auf.

Sie stieg ein, ohne den Hut abzunehmen.

Ich blieb noch stehen, bis das Taxi verschwunden war. Dann ging ich nach Hause.

Ich habe lange nicht mehr an sie gedacht. Bis ich vor einigen Tagen wieder an dem Grab vorbeikam. Der Stein war überarbeitet worden.

Zwei Namen.

Paul – gestorben 1945.
Elisabeth – gestorben 2017.

Beide am selben Tag geboren. Ich blieb stehen. Die Erde war uneben, das Beet überwuchert. Es hatte sich wohl seit einiger Zeit niemand darum gekümmert. Ich ging nach Hause.

Am nächsten Tag nahm ich eine kleine Schaufel und eine Harke mit auf den Friedhof.

Ich sah mich um. Niemand in der Nähe. Mein Hund setzte sich neben das Grab und sah mir zu.

Ich begann zu arbeiten.

Das Schweigen der Ferne

solitary tree in misty landscape at dawn

Kalt umschließt mich
der Nebel des frühen Tages.
Was ich Hoffnung nenne,
ist nur ein Ahnen.

Die Ferne schweigt.
Und doch gebe ich ihr Sinn.

Die Zukunft –
Versprechen der Sterne
oder ihr gleichgültiges Leuchten.

Ein Schleier liegt vor dem Leben.
Ich gehe hindurch,
ohne zu wissen,
ob es einen Weg gibt
oder nur mein Gehen.

Die Lieder des Lebens erklingen –
und ich singe sie,
weil Schweigen
keine Antwort ist.

Als die Welt stillstand

horses running in a shadow

Er ging, ohne sich zu verabschieden.

Die Stimmen blieben hinter ihm zurück, das Lachen, das Klirren von Gläsern – alles verlor sich, noch bevor er die Straße erreichte. Es war eine dieser Feiern, die Menschen veranstalten, nur weil sie älter geworden sind. Er hatte nie verstanden, warum man das feiert. Mit jedem Jahr, dachte er, rückt der Tod näher.

Leise. Unaufhaltsam. Warum also diese Annäherung feiern?

Geboren zu werden war keine Leistung. Das hatten andere entschieden. Seine Eltern. Vielleicht war selbst das nur ein Zufall gewesen, ein Versehen. Und ein Versehen – was gäbe es daran zu feiern?

Er pfiff leise. Chester kam sofort.

Die Halsung, eine feine Lederarbeit einer Freundin, lag ruhig um seinen Hals. Kein Widerstand, kein Zögern. Das leise Klicken des Karabiners klang wie ein kleines Versprechen.

Dann gingen sie.

Der Weg führte hinaus aus dem Ort, hinein in die offene Nacht. Der Mond stand hoch, bereits im Abnehmen, und legte ein blasses Licht über die Felder. Rechts das Maisfeld, dicht und hoch. Links die dunkle Buchenhecke. Ein schmaler Gang durch Schatten. Für einen Moment stellte er sich vor, ein Zug käme ihnen entgegen. Er würde ihn nicht sehen, bis es zu spät wäre.

Über ihnen flatterten Fledermäuse. In der Ferne rief eine Eule.

„Jetzt jagen sie“, sagte er leise. „Sie finden ihre Beute – und die Beute weiß es.“

Er hatte keine Angst. Es gab nichts, was ihm Angst machen konnte.

Hinter der Straße wurde es weiter. Offener. Die abgeernteten Felder lagen still, und die Eichen standen darin wie stumme Wächter. Hoch, unbeweglich, als hätten sie alles schon gesehen. Chester blieb stehen, schnupperte, ging weiter, blieb wieder stehen. Er lebte in einer Welt, die ihm verschlossen blieb.

Du hast es gut, dachte er.

Kein Gestern. Kein Morgen. Nur jetzt. Und doch – du hast etwas, das uns fehlt. Du vertraust. Du gehst einfach mit. Immer.

Der Nebel kam langsam. Er kroch über die Felder, legte sich in die Senken, wurde dichter. Das Licht des Mondes verlor seine Schärfe, wurde weich, beinahe milchig. Die Luft roch nach feuchter Erde, nach Gras, nach Verfall.

Als sie die Pferde hörten, blieben sie stehen. Zuerst nur ein Schnauben. Dann das leise, dumpfe Trommeln von Hufen. Die Körper tauchten aus dem Nebel auf, groß und ruhig, als gehörten sie nicht ganz in diese Welt.

Chester erstarrte.

Still. Wach.

Die Pferde kamen näher. Schritt für Schritt, bis sie an der Umzäunung standen.

Er hob die Hand. Eine Fuchsstute trat vor, senkte den Kopf und legte ihre warmen Nüstern in seine Hand. Er bewegte sich nicht.

Für einen Moment war alles still.

Nicht nur ruhig – still. Als hätte die Welt selbst aufgehört, sich zu drehen.

Dann bellte Chester.

Ein kurzer Laut – und alles zerbrach.

Die Pferde stoben auseinander, verschwanden im Nebel. Hufe, Atem, Bewegung – dann nur noch Klang, dann nichts mehr. Der Nebel nahm sie auf. Als wären sie nie da gewesen.

Er blieb stehen.

Atmete ein.

Aus.

Dann griff er nach der Leine. Sie gingen weiter.

Der Weg war kaum noch zu erkennen. Alles war Grau geworden, weich, grenzenlos. Erst weit vorne erschienen Lichter. Warm. Still. Menschlich.

Dort saßen sie. Vor ihren Bildschirmen. Und wussten nichts.

Noch ein paar Schritte.

Dann war die Nacht wieder vorbei.

Nebel

green pine trees covered with fogs under white sky during daytime

Nebel ruht über dem Land,
hält es still in kalter Hand.

Löscht die Welt in weichen Linien,
flüstert leise, ohne Namen, ohne Stimmen.

Ein Versprechen liegt darin:
sich zu lösen – irgendwohin,
und doch zu bleiben, zeitlos sacht,
wie ein Atemzug der Nacht.

Birgt, was keiner je ermisst,
tilgt, was war, und was noch ist.

Hüllst mich ein, so sanft, so nah –
alles Fremde schwindet da.

Und in deinem grauen Licht
bin ich endlich nur noch ich.

Nach dem Sturm

leafless tree on the field

Der Sturm fährt wild durchs weite Land,
so ungezähmt, uns unbekannt.
Nichts hält stand, nichts bleibt bestehen,
vieles vergeht im schnellen Wehen.
Bäume beugen sich, Äste brechen,
Blätter tanzen, wirbeln, sprechen
von der Macht, die uns umfängt –
die Natur, die uns verdrängt.

Sturm und Wind, wie Kinderspiel,
doch mit Kraft und ohne Ziel,
drehen, reißen, jagen fort –
alles wandelt sich im Nu an jedem Ort.

Dann verstummt das wilde Brausen,
Stille legt sich auf das Draußen.
Was geschah, scheint kaum zu fassen,
nur die Spuren sind geblieben, blassen.
Alles liegt verstreut und leer,
nichts ist mehr wie einst zuvor, nichts mehr.

Und wir Menschen, klein und schwach,
stehen still im Nachhall nach.
Doch wie der Sturm die Welt befreit,
trägt er auch in uns die Zeit,
Gedanken, schwer und ungeklärt,
werden still und neu gekehrt.

Zwischen Tag und Nacht

In der Dämmerung
ein flüchtiger Bund:
Tag
und Nacht.

Stille tritt näher,
legt sich in mich,
öffnet das Hören.

Die Farben versinken.
Das Licht wird ungewiss.

Ein Rascheln nur –
und die Welt hält inne.

Jäger gehen.
Gejagte verschwinden.

Der Morgen wird zählen.

Und wieder:
Tag.
Woche.
Jahr.

Ein Schnitt im Wasser –
der Reiher.

Ein Schatten im Dickicht –
der Fuchs.

Laub spricht leise
unter kleinen Leben.

Und fern,
fast hell:
ein Laut,
der bleibt –
Leben.

Fallende Minuten

Am späten Abend

wandere ich

durch die Kälte des Tages,

der leise vergeht.

 

Die Luft ist klar,

kein Wind,

nur Stille –

und fern

ein letzter Vogel,

der sein Nachtlager sucht.

 

Es ist die Zeit,

in der die Gedanken

langsamer werden,

zur Ruhe finden,

und der Tag

noch einmal

an mir vorüberzieht.

 

Was bleibt,

halte ich fest –

für morgen,

für später.

 

Im Licht der sinkenden Sonne

glühen die Blätter

tiefer als am Tag.

Sie lösen sich,

schweben,

fallen –

 

wie Minuten

unseres Lebens:

vergangen,

unwiederbringlich.

 

Und doch –

nichts geht verloren.

 

Was vergeht,

wird zu neuem Leben,

zu neuen Gedanken,

die wachsen

im Stillen.